1 — — ; jü Naturwissenschaftlichen Gesellschaft in Dresden. Herausgegeben von dem Redaktions - Komitee. 1 1 Jahrgang 1904. Januar bis Juni. Mit 16 Abbildungen im Text und 1 Karte. i / ' ' . W&M Dresden. r" ^ er K. Sachs. Hofbuchhandlung H. Burdach. ■* G04. n Redaktions -Komitee für 1904. Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. Mitglieder: Hofrat Prof. Dr. J. Deichmüller, Prof. Dr. W. Hallwachs, Pro> Dr. R. Heger, Prof. Dr. E. Kalkowsky, Dr. B. Schorler und Oberlehrer D J. Thallwitz. Verantwortlicher Redakteur: Hofrat Prof. Dr. J. Deich müller. Inhalt, A. Sitzungsberichte. I. Sektion für Zoologie S. 3. — Heller, K.: Flügelloses Weibchen von Pachypus caesus , Australiens Menschen und Tiere, neue Literatur S. 3. — Schorler, B. : G-allionella ferruginea , neue Literatur S. 3. — Thallwitz, J.: Kleintierwelt des Moritzhurger Grofsteiches S. 3. — Thümer, A.: Neue Standorte von Orchis globosa und 0. ustulata S. 3. — Viehmeyer, H.: Pseudogyne Arbeiterform von Formica sanguinea S. 3. II. Sektion für Botanik S. 3. — Drude, 0.: Flora von Java S. 4; Laubwechsel von Holzgewächsen der Tropen, Zusammenhang von Blattvariation und ökologischen Faktoren S. 6; Vorlage von Photographien S. 5 und der Nachbildung eines Deckengemäldes S. 6; geographische Verbreitung der Moschusochsen, mit Bern, von K. Deninger S. 5. — Haupt, H. : Biologie adriatischer Meeresalgen S. 5; Mifsbildung von Anemone narcissifiora S. 6. — Naumann, A.: Naturwissenschaftliches aus den österreichischen Küstenländern, Literaturvorlage S. 5. — Scheidhauer , R.: Biologie der Wasservege¬ tation des Grödler Kanals S. 5. — Schiller, K.: Neue Literatur S. 5. — Schorler, P Chinarindenbäume, botanische Ergebnisse der belgischen Südpolarexpedition S. 4; 1 reicherungen der Flora Saxonica S. 6; Vorlage von Photographien S. 5. — Vie meyer, H.: Künstliches Gipsnest zur Beobachtung von Ameisen, Dinar da- Form S. 5. — Worgitzky, E.: Blütenbiologie der Gattung Saxifraga S. 6. III. Sektion für Mineralogie und Geologie S. 6. — Deninger, K.: Geologisches a Sardinien S. 7. — Kalkowsky, E.: Flufsspat und Kalkspat vom Oltschikopf S Graphit von Ceylon, Phosphoreszenz des Quarzes, neue Literatur S. 7. — Mann, Zinnerzlagerstätten im sächsischen Erzgebirge S. 6; neue Fossilfunde an der Tepl' Strafse inDresden, Kupfererzlagerstätten von Klingenthal- Grafslitz S.7. — Wagne Diluvium in Nordeuropa S. 6. IY. Sektion für prähistorische Forschungen S. 7. — Deichmüller, J.: Bu von Schaddel, zeitliche Gruppierung der Urnenfelder S. 8; neue Funde in de. gebungen von Dresden und Leipzig, Verbreitung der steinzeitlichen Niederlassu in Sachsen S. 9; neue Literatur S. 7. — Deninger, K.: Über Pygmäen S. 8 Döring, H. : Wälle bei Nauberg, Köllmichen und Förstgen S. 7; Vorlagen S. 1 Ebert, 0.: Bandkeramik der steinzeitlichen Gräberfelder und Wohnplätze bei Woi S. 7; Ansichtskarten von Hünengräbern S. 8. — Jentsch, A. : Burgstätte und ai Waldzeichen gegenüber dem Bahnhof Klotzsche S. 7. — Klähr, M.: Steinzeitlicht Niederlassung von Piskowitz, ürnenfunde von Schwochau S. 9. — Mann, 0 • zeitliche Wandmalereien in den französischen Höhlen S. 9.. — Sieber, ( von Gefäfsen und Münzen S. 7. Y. Sektion für Physik, Chemie und Physiologie S. 10. — ^ Osmose und ihre Anwendung in ^er Technik S. 10. — “ Prozesses S. 10. — f , H.: Lu Sitzungsberichte der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS in Dresden. 1904, I. Sektion für Zoologie. Erste Sitzung am 14. Januar 1904. Vorsitzender: Oberlehrer Dr. J. Thallwitz. — Anwesend 35 Mitglieder und Gäste. Dr. B. Schorler legt vor: Göldi, A. : Album de aves amazonicas, Fase. 1—24. Zürich 1902. Prof. Dr. K. Heller legt vor: Houlbert, C. : Les insectes ennemis des livres. Paris 1903; Wandolleck, B. : Die Stethopathidae, eine neue Hügel- und schwingerlose Familie der Diptera. Zoolog. Jahrb. 11. Bd., 1898, und zeigt und bespricht das flügellose Weibchen von Pacliypus caesus (Koleoptere). Der Vorsitzende hält einen Vortrag über die Kleintierwelt des Moritzburger Grofsteiches. Zur Erläuterung dienen zahlreiche mikro¬ skopische Präparate. Zweite Sitzung am 2. Juni 1904 (in Gemeinschaft mit der Sektion für Botanik;. Vorsitzender: Oberlehrer Dr. J. Thallwitz. — Anwesend 37 Mitglieder. Prof. Dr. K. Heller spricht in längerem Vortrage über Australiens Menschen und Tiere mit Vorlage von Bildern und Photographien. Lehrer H. Viehmeyer trägt über die pseudogyne Arbeiterform von Formica sanguinea Latr. vor und demonstriert diese Formen. Dr. B. Schorler spricht über Gallion eil a ferruginea, eine Eisen¬ bakterie. Zur Veranschaulichung dienen mikroskopische Präparate und Vorlagen aus der Literatur über das Objekt. Direktor A. Thürner meldet neue, von ihm festgestellte Standorte von Orchis globosa L. und Orchis ustulata L. II. Sektion für Botanik. Erste Sitzung am 21. Januar 1904. Vorsitzender: Dr. B. Schorler. — Anwesend 32 Mitglieder und Gäste. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude bespricht das kürzlich von der bota¬ nischen Bibliothek der K. Technischen Hochschule angeschaffte, bereits im 4 zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts erschienene prächtige Abbildungs¬ werk von C. L. Blume und J. B. Fischer: „Flora Javae“. Brüssel 1828, und weist auf die pflanzengeographisch interessante Verbreitung javanischer Pflanzen in der Jetztzeit und Vorzeit hin. Dr. B. Schorler spricht über die Chinarindenbäume ( Cinchona ) mit Vorlage des Herbarmaterials aus der botanischen Sammlung und referiert sodann über die botanischen Ergebnisse der bel¬ gischen Südpolar-Expedition (Belgica 1897 — 99) an der Hand der bisher erschienenen Arbeiten von Cardot und Stephani über die Moose und von Wainio über die Flechten. Da diese Arbeiten schwer zugäng¬ lich sind, so seien hier ihre Ergebnisse kurz mitgeteilt. Als Einleitung’ zu seiner Bearbeitung der auf der belgischen antarktischen Expe¬ dition durch Racovitza gesammelten Moose gibt Cardot eine pflanzengeographische Übersicht über die Verbreitung der Moose im australen Südamerika von 45 °S. an, also in dem südlichen Teile des antarktischen Waldgebietes von Grisebach (magellanischer Busch wald Drudes). Verfasser rechnet noch die Falklands - Inseln diesem Gebiete zu. Im australen Südamerika sind bisher 227 Moosspezies aufgefunden worden, davon sind 149 Arten endemisch. Unter diesen ist die Gattung TJlota mit 14 Spezies sehr stark vertreten, dann folgen Dicranum mit 11,, Barbula und Campy/opus mit je 8, Blindia mit 7, Bacomitrium mit 6 endemischen Arten. Die pleurocarpischen Moose treten sehr zurück. Das ganze Gebiet hat nur eine einzige endemische Gattung, nämlich Hymenocleiston (Splachnaceae) mit der einen Art H. magellanicum Dub. Von tropischen Formen sind noch vorhanden 5 Macromitrium , 1 Schlothrimia , 2 Syrrhopodon und von den Hooke- riaceen 5 Distichophyllum , 1 Mniadelplius und 3 Pterygophyllum. Als negative Charaktere der Moosflora dieses Gebietes werden das vollständige Fehlen der Leucobryaceen, der Fissidentaceen, der Gattungen Dicranella , Mnium, Pogonatum , Thuidium und Bhyn- chostegium angeführt. Die magellanischen Moose weisen in ihrer Verbreitung auf nahe Beziehungen zu den nördlicheren Teilen der pazifischen Küste: 38 Arten sind beiden gemeinsam. Eine noch giöfsere Verwandtschaft besteht jedoch, den Phanerogamen ent¬ sprechend, zwischen dem magellanischen Buschwald und den südlicheren Ländern des pazifischen Ozeans, Neuseeland, den Aucklands -Inseln, Tasmanien und selbst dem süd¬ östlichen Teile von Australien. Nicht weniger als 50 Arten sind diesen weit entfernten Ländern gemeinsam. 24 Arten kommen noch auf den Kerguelen vor. Aus den südlichen Teilen des antarktischen Gebietes waren bisher 1 Phanerogame, nämlich das Gras Aira antarctica, das auf Südshetland unter 60— 63° S. Br. gesammelt worden war, dagegen 15 Algen und Flechten und 3 Moose, nämlich 1 Bryum , 1 Didy- modon (?) und 1 Barbula bekannt. Sie waren 1843 durch Hooker auf der kleinen Insel Cockburn unter 64° 12' S. Br. aufgefunden worden. Weitere Phanerogamen konnten in diesen Breiten auch durch die Expedition der Belgica nicht konstatiert werden, dafür aber eine grofse Zahl von Moosen, Flechten und Algen. Die Zahl der zwischen dem 64. und 65. Breitengrade an den Steilküsten der Gerlachestrafse (im Dirck-Gherritzarchipel, im Stielerschen Handatlas als Bismarckstrafse bezeichnet) aufgefundenen Moose beträgt einschliefslich der 3 Lebermoose 30. Darunter sind 15 neue Arten und 9 von sehr weiter Verbreitung. Die letzteren sind die auch bei uns verbreiteten Ceratodon pur - pureus , Distichium capillaceum , Grimmia Doniana, Webera nutans und W. cruda, Pogonatuwi alpinum , Polytrichum strictum , Hypnum uncinatum und H. revolutum. Die 15 neuen Arten weisen nahe Beziehungen zu arktischen Formen auf, und Cardot betont, dafs die antarktische Mooswelt in ihrer Gesamtheit die gröfsten Ähnlichkeiten, ja selbst gemeinsame Züge mit der der arktischen Region und sehr wenig nur mit der der magellanischen Länder aufweist. Das gilt in gleicherweise von den Flechten, die von Wainio bearbeitet wurden. Er konnte in der Sammlung Racovitzas von der Gerlachestrafse 55 Spezies feststellen. Davon sind 21 Arten (38, is %) auch in äer arktischen und gemäfsigten Region Europas verbreitet und hier meist gemein. 29 Spezies sind neu oder endemisch. Und nur 9 Arten oder 16,36 °/0 sind sowohl der antarktischen Region wie dem magellanischen Gebiet ge¬ meinsam. Dagegen wachsen die 3 Lebermoose, welche auf der Expedition der Belgica zwischen dem 64. und 65. Breitengrade gefunden wurden, nach den Feststellungen Stephanis sämtlich auch auf Südgeorgien, wo sie die deutsche Valdiviaexpedition sammelte. 5 Weiter zeigt Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude die schönen Photo¬ graphien aus der „arktischen Flora“ von Gunnar Ander sson (in Hettners Geograph. Zeitschr. 1901) vor. Zweite Sitzung am 10. März 1904 (in Gemeinschaft mit der Sektion für Zoologie). Vorsitzender: Dr. B. Schorler. — Anwesend 35 Mitglieder und Gäste. Lehrer H. Viehmeyer legt ein von Ch. Janet konstruiertes künst¬ liches Gipsnest zur Beobachtung von Ameisen vor, sowie die Be¬ schreibung des Apparates in Ch. Janet: „Appareils pour Fobservation des fourmis et des animaux myrmecophiles“ (Mem. soc. zoolog. de France X, 1897, S. 302) und E. van Overloop: „Les fourmis de M. Charles Janet“. Brüssel 1897. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude trägt über die geographische Verbreitung der Moschusochsen vor. Dazu bemerkt Dr. K. Deninger, dafs der Moschusochs im Dilu¬ vium von Wiesbaden gefunden worden sei, die bis jetzt bekannte süd¬ lichste Fundstelle. Dr. A. Naumann gibt als Frucht einer um Ostern vorigen Jahres unter¬ nommenen Reise einen Vortrag: Naturwissenschaftliches aus den österreichisch en Küstenländern, unter Vorführung zahlreicher Licht¬ bilder und Vorlegung von gegen 100 Charakterarten, die auf grofsen Papp¬ tafeln nach Formationen geordnet aufgezogen waren. Aufserdem zirkuliert R. d e Visiani: „Flora Dalmatica“. Leipzig 1842—52; Suppl. 1872, aus der botanischen Bibliothek der K. Technischen Hochschule. Lehrer H. Viehmeyer macht Mitteilungen über Dinar da- Formen und legt einige derselben vor. Dritte Sitzung am 17. März 1904 (Floristenabend). Vorsitzender: Dr. E. Worgitzky. — Anwesend 24 Mitglieder und Gäste. Privatus K. Schiller legt verschiedene Neueingänge aus der Isis¬ bibliothek vor: Zunächst im Anschlufs an den Vortrag in der vorigen Sitzung eine gute Abbildung einer Moschusochsengruppe in dem 21. Jahresbericht des Museums in Milwaukee; dann die mit zahlreichen schönen Abbildungen ausgestatteten Arbeiten über die Wald Verhältnisse Nordamerikas von H. Gannet: „The forest of Oregon“ und von A. Dodwell und Th. Rixon: „Forest condi- tions in the Olympic Reserve, Washington“ (U. St. geolog. survey, profession. papers No. 4 und 7). Dr. H. Haupt trägt vor über die Biologie adriatischer Meeres¬ algen und Ingenieur R. Scheidhauer über die Biologie der Wasservege¬ tation des Grödler Kanals. Dr. B. Schorler legt zwei tadellose Photographien alter Taxus¬ bäume vor, die von Dr. Naumann, Mitglied der Bautzner Isis, aufge- 6 nommen und der botanischen Bibliothek der K. Technischen Hochschule geschenkt worden sind. Die eine ist die Abbildung der gröfsten Eibe Sachsens, welche in dem Dorfe Ostritz in der Oberlausitz steht und eine Höhe von 9 m hat bei einem Stammumfang (in 1 m Höhe) von 2,33 m. Sie wurde zuerst von Dr. Ko rsch eit- Zittau beschrieben. Die andere stellt die stärkste Eibe Deutschlands dar, nämlich die zuerst von Prof. Dr. Czech- Breslau erwähnte Eibe von Katholisch-Henuersdorf bei Lauban. Sie hat eine Höhe von 12,50 m, einen Stammumfang am Wurzelhalse von 5,65 m, 1,30 m über dem Boden noch von 5,03 m und oben gerade vor der Teilung von 5,57 m. Hierauf gelangen die Bereicherungen der Flora Saxonica in den beiden letzten Jahren zur Vorlage und Besprechung. (Vergl. Abhandlung IV.) Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude bespricht die verkleinerte farbige Nachbildung eines Deckengemäldes von Frau CI. Ziegler-Frankfurt, welches in Kranzform die für den phänologischen Jahreszyklus wichtigen Blütenpflanzen zur Darstellung bringt. Dr. H. Haupt demonstriert noch eine Mifsbildung von Anemone narcissiflora von der grofsen Schneegrube des Itiesengebirges. Vierte Sitzung am 6. Juni 1904 (im K. Botanischen Garten). Vor¬ sitzender: Dr. B. Schorler. — Anwesend 28 Mitglieder und Gäste. Dr. E. Worgitzky hält einen Vortrag über die Blütenbiologie der Gattung Saxifraga im Anschlufs an eine Arbeit von A. Günthart in Luerssens Bibliotheca botanica, Heft 58, 1902, unter Vorlage zahlreichen lebenden Materials aus dem Garten. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude spricht an der Hand einer Arbeit von G. Volkens-Berlin über den Laubwechsel vieler laubabwerfenden Holzgewächse in den Tropen und hierauf über den Zusammenhang von Blattvariation und öko¬ logischen Faktoren. Diese ,, ökologischen Variationen“ werden an be¬ blätterten Eichenzweigen aus dem Garten demonstriert. III. Sektion für Mineralogie und Geologie. Erste Sitzung am 4. Februar 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. E. Kal- kowsky. — Anwesend 37 Mitglieder. Dr. 0. Mann spricht über die Zinnerzlagerstätten im sächsischen Erzgebirge. An der Diskussion beteiligen sich Oberlehrer Dr. P. Wagner und der Vorsitzende. Prof. Dr. E. Kalkowsky spricht über Flufsspat und Kalkspat in Krystallerde am Oltschikopf im Berner Oberland. Zweite Sitzung am 7. April 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. E. Kal¬ kowsky. — Anwesend 46 Mitglieder und Gäste. Oberlehrer Dr. P. Wagner spricht über das Diluvium in Nordeuropa. 7 An der Diskussion beteiligen sich Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude, Prof. Dr. E. Kalkowsky, Dr. 0. Mann und der Vortragende. Dritte Sitzung am 9. Juni 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. E. Kal¬ kowsky. — Anwesend 23 Mitglieder. Prof. Dr. E. Kalkowsky bespricht die Werke von A. Pelz: „Geologie von Sachsen“ Leipzig 1904, und R. Brauns: „Das Mineralreich“. Stutt¬ gart 1908, legt Graphit von Ceylon vor und demonstriert die sogenannte Phosphoreszenz des Quarzes. Dr. 0. Mann berichtet über die neuen Fossilfunde an der Teplitzer Strafse in Dresden auf Grund der Bearbeitung derselben durch Dr. W. Petrascheck (vergl. Abhandlung 1) und spricht über Kupfererzlagerstätten von Klingenthal-Grafslitz. Dr. K. Deninger hält einen Projektionsvortrag über Geologisches aus Sardinien. IY. Sektion für prähistorische Forschungen. Erste Sitzung am 7. Januar 1904. Vorsitzender: Hofrat Prof. Dr. J. Deich müll er. — Anwesend 18 Mitglieder. Taubstummenlehrer 0. Ebert hält einen Vortrag über die Band- keramik der steinzeitlichen Gräberfelder und Wohnplätze in der Umgebung von Worms, im Anschlufs an die Veröffentlichung von Dr. C. Koehl in der Festschrift zur 34. allgemeinen Versammlung der Deutschen anthropol. Gesellschaft in Worms 1903. An den Vortrag schliefst sich eine längere Aussprache an. Lehrer em. J. A. Jentsch spricht über eine Burgstätte gegenüber dem Bahnhof Klotzsche und die darauf bezüglichen alten Wald¬ zeichen. Privatus G. Sieber legt eine Anzahl vor- und frühgeschichtlicher Gefäfsreste von Grofsgrabe, Bernsdorf und Kamenz vor, ferner Brakteaten und Münzen aus dem 14. Jahrhundert, sowie Gefäfse, in denen solche Münzen gefunden worden sind. Zweite Sitzung am 3. März 1904. Vorsitzender: Hofrat Prof. Dr. J. Deichmüller. — Anwesend: 30 Mitglieder. Der Vorsitzende legt vor: British Museum: A guide to the antiquities of the bronze age in the department of British and Mediaeval antiquities. Mit 10 Tafeln und 148 Textbildern. London 1904. Oberlehrer H. Döring spricht über die Wälle bei Nauberg und Köllmichen und einen von ihm entdeckten, in der Literatur bisher nicht erwähnten Burgwall bei Förstgen, 8 Das kleine Dorf Förstgen (ca. 250 Einwohner) liegt gegenüber von Bahnhof Grofs- bothen bei Grimma am rechten Muldenufer, etwa 3,5 km von der Vereinigung beider Mulden entfernt, da, wo der Thümmlitzbach aus dem gleichnamigen Walde heraustritt und in die Mulde fliefst. Vom Dörfchen aus ist der Wall ca. 1,4 km nach Osten entfernt und zwar noch im Waldrevier auf Schneise 5, wenig nördlich von Flügel A gelegen. Die umwallte Stelle hat eine Seehöhe von 156 m, der Spiegel des Thümmlitzbaches am Fufse des Hanges liegt 140 m hoch, so dafs sich eine relative Höhe von 16 m ergibt. Der Wall wird im Volksmunde als „Schwedenschanze“ bezeichnet. Er hat ungefähr die Form eines Halbkreises und einen Umfang von ca. 300 Schritt. Der Wall, welcher aus Steinen und Erde erbaut ist, ist ca. 1 m hoch, stellenweise auch ein wenig höher. Innerhalb des Wallraumes ist ein weiterer Wallteil, parallel zum Aufsenwall, zu er¬ kennen, so dafs man ihn wohl zu den Doppelwällen rechnen darf. Der Burgwall liegt auf fiskalischem Gebiet und zwar im Staatsforst Thümmlitz- wald. Funde sind bisher von dieser Stelle nicht bekannt geworden. Die Sage berichtet von einem hier verborgenen Schatz, und dafs oft zu mitter¬ nächtlicher Stunde Licht an diesem Ort zu sehen sei. Vermutlich ist die Anlage in slavischer oder gar germanischer Zeit entstanden. Ob er als Kultstätte oder als Zufluchts- und Verteidigungsplatz gedient hat, läfst sich heute bei dem gänzlichen Mangel an Bodenfunden und an sonstigen Überlieferungen nicht entscheiden. Der Vorsitzende macht auf den Burgwall von Schaddel auf dem linken Muldenufer, oberhalb Kloster Nimbschen, aufmerksam, auf dem slavische Gefäfsreste in grofser Zahl gefunden worden sind. Dr. K. Deninger hält unter Vorführung von Lichtbildern und Vorlage verschiedener Veröffentlichungen einen Vortrag über Pygmäen. (Vergl. Abhandlung II.) Taubstummenlehrer 0. Ebert legt eine Sammlung Ansichtskarten von Hünengräbern der Provinz Hannover, herausgegeben von P. Feldheim -Hannover, vor. Hofrat Prof. Dr. J. Deichmüller spricht über die zeitliche Grup¬ pierung der Urnenfelder. Nach Hinweis auf die Arbeiten von R. Virchow und M. Weigel (Niederlausitzer Mitteil. 1889, Bd. I, S. 387), durch welche der Begriff „Lausitzer Typus“ aufgestellt bez. enger begrenzt wurde, und von A. Voss und G. Stimming: „Vorgeschichtliche Alter¬ tümer aus der Mark Brandenburg“ 1890, geht Vortragender auf die Veröffentlichung von H. Jentsch: „Die Thongefäfse der Niederlausitzer Gräberfelder“ (ebenda 1891, Bd. II, S. 1) ein, in welcher der erste umfassendere Versuch gemacht wurde, die Brandgräber¬ felder der Niederlausitz zeitlich zu gruppieren. Jentsch stellte drei Gruppen auf: eine ältere, deren auffallendste Gefäfsform das Buckelgefäfs ist; eine mittlere, als Blütezeit des Niederlausitzer Typus bezeichnete, die durch breite horizontale Kehlstreifen und aneinander gereihte, in wechselnder Stellung schraffierte Dreiecke als Verzierungs¬ elemente charakterisiert wird; eine jüngste, innerhalb welcher die scharfkantigen, ge¬ brochenen Profillinien der beiden älteren Gruppen verwischt und gerundetere, schlankere, vasenartige Formen vorherrschend geworden sind. Einen weiteren Beitrag zur Klärung der Altersfrage lieferte 1897 A. Götze in seiner „Vorgeschichte der Neumark“. Als neueste Arbeit auf diesem Gebiete erschien dann 1903 die Abhandlung von A. Voss: „Keramische Stilarten der Provinz Brandenburg und benachbarter Gebiete“ (Zeitschr. für Ethnologie, 35. Jhrg., S. 161). Abgesehen von einer noch ungenügend bekannten keramischen Gruppe der frühesten Metallzeit, ordnet der Verfasser die Ton- gefäfse der Gräberfelder des behandelten Gebietes in vier Typen, für deren ältesten, den „Lausitzer Typus im engeren Sinne“ die mehr oder minder breiten, horizontalen Kanne¬ lierungen und Bogenfurchen, letztere oft in Verbindung mit Buckel Verzierungen (Buckel- gefäfse) charakteristisch sind. Dieser in Mitteldeutschland weit verbreitete, aus der jüngeren Bronzezeit bis in die Hallstattzeit hinein reichende Typus wird allmählich abgelöst durch den „Aurither Typus“, dessen eigenartige Verzierungsmotive in Punkt¬ reihen und Systemen von feinen, meist von Punktreihen eingefafsten Parallellinien be¬ stehen. Derselbe beginnt in der Hallstattzeit und endet in der LaTenezeit; sein Ver¬ breitungsgebiet ist ein schmaler Streifen, der sich von Thorn bis zum Harz, bez. vom Havel- und Spreetal bis an die Grenze des Königreichs Sachsen erstreckt. Nördlich 9 davon hat sich im Odergebiet unter Beeinflussung durch Hallstattformen der „Göritzer Typus“ ausgebildet; südlich schliefst sich der „Billendorfer Typus“ an, dessen weitgehende Verwandtschaft mit dem Hallstatttypus unverkennbar ist und dessen Hauptformen vasen¬ artige Gefäfse mit bauchigem Unterteil, fast ebenso hohem, nach oben gleichmäfsig ver¬ engtem Hals und breitem, schrägem Mündungsrand darstellen; mit ihm werden Eisen¬ beigaben eingeführt. Gegen Ende der Hallstattzeit ist das früher vom „Lausitzer Typus“ eingenommene Gebiet in die drei archäologisch zusammengehörigen Gebiete des „ Aurither“-, „Göritzer“- und „Billendorfer Typus“ zerfallen, an welche sich im Nordosten bis zur Ostsee noch das Gebiet der „Gesichtsurnen“ anschliefst. Der Vortragende wendet sich nun zu den Urnenfeldern des Königreichs Sachsen und betont, dafs er, entgegen der Auffassung des „Lausitzer Typus“ durch Voss, an der von Jentsch aufgestellten Zweiteilung der älteren Urnenfelder in eine Gruppe mit Buckel- gefäfsen und in eine solche mit kannelierten Gefäfsen nach seinen bisherigen Erfahrungen festhalten müsse. Beide Gruppen sind in Sachsen durch typologisch gut bestimmte Gräberfelder vertreten, auch ist ihr Verbreitungsgebiet nicht dasselbe. Während sich die Urnenfelder mit Buckelgefäfsen von der sächsischen Lausitz aus westwärts über die Elbe bis nach dem nordwestlichen Sachsen (Mockau bei Leipzig) verbreiten, fehlen die kannelierten Gefäfse im östlichen Sachsen vollständig (die Ostgrenze liegt in der Gegend von Radeburg). . In der letzteren Gruppe macht sich auch der Einflufs des „Aurither Typus“ nicht unwesentlich bemerkbar. Der „Billendorfer Typus“ ist in der Hauptsache über das Gebiet zwischen Elbtal und Lausitz verbreitet und hier durch eine Anzahl gröfserer Gräberfelder (u. a. Tolkewitz, Löbtau, Stetzsch, Röderau, Kamenz, Bautzen, Kleinsaubernitz) vertreten. Westlich der Elbe kommt er nur ganz ver¬ einzelt vor. Die Ausführungen des Vortragenden werden durch eine gröfsere Zahl von Gefäfs- typen erläutert. Dritte Sitzung am 5. Mai 1904. Vorsitzender: Hofrat Prof. Dr. J. Deich mü 11er. — Anwesend 34 Mitglieder. Der Vorsitzende bespricht neue Urnenfelder aus der Umgebung von Dresden: von Klotzsche und am Osterberg bei Cossebaude (beide mit Buckelgefäfsen), von Kleinpestitz (Billendorfer Typus) und Tolkewitz (Billendorfer Typus und La Tenezeit), weiter Funde aus slavischen Herd¬ stellen nördlich von Kleindölzig bei Leipzig und eine Kugelamphore von Cröbern bei Leipzig. Oberlehrer M. Klahr berichtet über eine neue steinzeitliche Nieder¬ lassung mit Bandkeramik von Piskowitz bei Zehren und über Urnen¬ funde von Schwochau bei Lommatzsch (Lausitzer Typus). Im Anschlufs hieran gibt der Vorsitzende an einer Karte eine Über¬ sicht über die steinzeitlichen Niederlassungen in Sachsen, deren Zahl gegenwärtig etwa 45 beträgt. Oberlehrer H. Döring legt ein neuerdings bei Mockritz gefundenes Flachbeil aus Grünstein und einen Becher des Billendorfer Typus aus dem Gräberfeld von Löbtau vor. Dr. 0. Mann hält einen Vortrag über die steinzeitlichen Wand¬ malereien in den französischen Höhlen und legt hierzu an Lite¬ ratur vor: Chiron, L. und Lombard-Dumas: La grotte de Chabot. Revue de l’ecole d’anthropologie Xi, 1901, S. 49; Capitan, L. und Breuil, H.: La grotte de Combarelles. Eb. XII, 1902, S. 33; Capitan, L. und Breuil, H.: La grotte de Font- de- Gaume. Eb. XII, 1902, S. 235; Hoernes, M. : Der diluviale Mensch in Europa. Die Kulturstufen der älteren Steinzeit, ßraunschweig 1903; 10 Mailet, A. : La g'rotte ä Graffiti et le trou du Sarrasin. L’homme pre- historique I, 1903, S. 110; Mortillet, A. de: Sur quelques figures peintes et gravees des grottes des environs des Eyzies. Eb. I, S. 43; Ri viere, E.: Les parois gravees et peintes de la grotte de la Mouthe. Eb. 1, 1903, S. 65. An den Vortrag schliefst sich eine längere Aussprache an. Y. Sektion für Physik, Chemie und Physiologie. Erste Sitzung am 18. Februar 1004. Vorsitzender: Prof. Dr. W. Hallwachs. — Anwesend 56 Mitglieder und Gäste. Oberlehrer H. A. Rebenstorff spricht unter .Vorführung von De¬ monstrationen über Luftfeuchtigkeit und Nebelbildung. Nachdem mittels eines Heronsballes , der ein Füllröhrchen des Vortragenden ent¬ hielt (Zeitschr. f. d. phys. und ehern. Unterricht XVII, 1904, S. 91; bei Meiser & Mertig- Dresden für 2,50 M.), der hohe Dampfdruck des Äthers gezeigt war, wird die Messung des jeweiligen Dampfdruckes der Luftfeuchtigkeit, sowie des Sättigungsdruckes vor¬ geführt. Ein weiterer einfacher Apparat dient zur Messung der ungleichen Druck¬ änderung trockner und gesättigter Luft infolge Temperaturänderungen. Unter Benutzung eines Gelatinehygroskopes wird mittels eines Projektionsversuches demonstriert, dafs Luft bei Abnahme des Druckes relativ feuchter, bei Kompression trockener wird, beides natürlich nur, solange noch kein Ausgleich der adiabatisch erfolgten Temperaturänderung eingetreten ist (a. a. 0. S. 28). Hierauf zeigt der Vortragende seinen Apparat zur Demonstration der ungleichen Temperaturänderung trockener und feuchter Luft bei Verminderung und Erhöhung des Druckes, auf welcher Erscheinung bekanntlich die Erklärung der Temperaturverhältnisse des Föhnwindes beruht (a. a. 0. S. 19). Auch bei den Versuchen mit diesem Apparate macht sich, wie berichtet wird, ein Einflufs in der Luft vorhandenen Staubes bemerkbar. Der Vortragende zeigt alsdann ein bequemeres Verfahren der Herstellung staub¬ dichter Kollodiumballons (vergl. Abhandlung III), die zu zahlreichen Versuchen über bekannte Erscheinungen, insbesondere über die Nebelbildung aus übersättigter Luft unter der Bedingung des Vorhandenseins von Nebelkernen (Staubteilchen und Jonen) verwendbar sind. Näheres darüber wird in der Zeitschrift für den physik. und ehern. Unterricht behandelt werden. Ferner wird ein Aräopyknometer vorgeführt, das durch Anhängegewichte als Universalinstrument für Flüssigkeiten der Dichten von 0,7 bis 2,o brauchbar ist. Zweite Sitzung am 21. April 1904. Vorsitzender: Prof. Dr.W. Hall¬ wachs. — Anwesend 74 Mitglieder und Gäste. Prof. Dr. Fr. Foerster hält einen durch zahlreiche Demonstrationen erläuterten Vortrag über die Elektro-Osmose und ihre Anwendung in der Technik. An den Vortrag schliefst sich eine lebhafte Aussprache. Dritte Sitzung am 23. Juni 1904. Vorsitzender: Prof. Dr.W. Hall¬ wachs. — Anwesend 57 Mitglieder und Gäste. Prof. Dr. R. Möhlau hält einen Vortrag über das Wesen des Fär¬ bereiprozesses unter Vorführung von Experimenten. 11 YI. Sektion für reine und angewandte Mathematik. Erste Sitzung* am 11. Februar 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. R. Heger. — Anwesend 21 Mitglieder. Oberbaurat H. Wiechel spricht über mathematische Theorie der Volksdichtekarten. (Vergl. Abhandlung V.) Geh. Hofrat Prof. Dr. M. Krause bespricht die Werke von G. Bauer: „Vorlesungen über Algebra“. Leipzig 1903, und H. Weber: „Elementare Algebra und Analysis“, erschienen als I. Band der Enzyklopädie der Ele¬ mentar -Mathematik von Weber und Wellstein. Leipzig 1903. Bezüglich des ersten Werkes wird insbesondere sein Verhältnis zn den älteren und neueren Theorien der Algebra besprochen und seine Stellung zu früheren Darstellungen des Gegenstandes in der deutschen mathematischen Literatur gekennzeichnet. Bei der mit einer kurzen Inhaltsangabe verbundenen Besprechung des zweiten Werkes wird speziell auf seine Darstellung der Kombinatorik, des Kreisteilungsproblems, der sogenannten Unmöglichkeitsbeweise und der auf die Transzendenz von e und rc be¬ züglichen Untersuchungen hingewiesen. Zweite Sitzung am 14. April 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. R. Heger. — Anwesend 8 Mitglieder. Prof. Dr. R. Heger spricht über Kugelkoordinaten und sphärische Kegelschnitte. Vortragender setzt zunächst auseinander, dafs bei Zugrundelegung eines festen sphärischen Dreiecks, dessen Seiten und Winkel sämtlich gleich 90° sind, einerseits jeder Punkt der Kugeloberfläche durch drei „Punktkoordinaten“ x, y, z, andrerseits jeder Haupt¬ kreis der Kugeloberfläche durch drei „Hauptkreiskoordinaten“ u, v, w fixiert werden kann; und zwar findet hierbei stets die Gleichung x2+ y2+ z2— L resp. u2-j- v2-j- w2= 1 statt. Die Benutzung dieser Koordinaten wird nun an einer Reihe von Aufgaben aus der Sphärik erläutert ; dabei wird u. a. auf die Eigenschaften des vollständigen sphärischen Vierseits und Vierecks eingegangen, ferner auf die analytische Darstellung der Neben¬ kreise in Punktkoordinaten sowie in Hauptkreiskoordinaten. Im zweiten Teile seines Vortrags behandelt Redner die sphärischen Kegelschnitte und zeigt, dafs sich bei ihnen — mutatis mutandis — gewisse Eigenschaften der ebenen Kegelschnitte wiederfinden, so die Brennpunkts- und Direktrix-, z. T. auch die Asymptoten-Eigenschaften. U. a. wird dargelegt, wie man, sobald die Gleichung eines sphärischen Kegelschnitts gegeben ist, sofort diejenige seines Polar -Kegelschnitts aufstellen kann. Dritte Sitzung am 9. Juni 1904. Vorsitzender: Prof. Dr. R. Heger. — Anwesend 13 Mitglieder und Gäste. Geh. Hofrat Prof. Dr. K. Rohn spricht über Flächen mit vier Scharen kongruenter Parallelkurven. Der Vortragende erläutert kurz die geometrische Entstehung der Translationsflächen und die analytische Darstellung derselben; insbesondere wird hervorgehoben, dafs es auf jeder Translationsfläche zwei Scharen kongruenter gleichgestellter Kurven geben mufs, und dafs jeder dieser beiden Kurvenscharen eine bestimmte Kurve in der unendlich fernen Ebene zugeordnet ist, indem die Tangenten sämtlicher Kurven der betreffenden Schar diese unendlichferne Kurve treffen. Sind umgekehrt zwei unendlichferne Kurven Cj und c2 vorgelegt, so zeigt sich, dafs jede Translationsfläche, die zu denselben in der angedeuteten Beziehung stehen soll, Integralfläche einer gewissen leicht herstellbaren partiellen Diffe¬ rentialgleichung II. Ordnung sein mufs. Nun wird die Frage aufgeworfen, ob es Flächen geben kann, auf denen sich nicht blofs zwei, sondern vier Scharen kongruenter gleichgestellter Kurven vorfinden. Da 12 diesen vier Kurvenscharen auch vier unendlichferne Kurven CnC^Cg,^ in der oben angegebenen Weise zugeordnet sein müssen, so kommt die gestellte Frage darauf hinaus, ob man in der unendlicbfernen Ebene vier Kurven c4, c2, c3, c4 derart wählen kann, dafs eine und dieselbe Translationsfläche sowohl zu c4 und c2 als auch zu c3 und c4 in der erwähnten Beziehung steht; diese Fläche mufs alsdann offenbar eine gemeinschaftliche Integralfläche zweier partieller Differentialgleichungen II. Ordnung sein, Redner gibt zunächst einen Rückblick auf die Geschichte dieses von Lie formu¬ lierten Problems und charakterisiert kurz die interessanten, aber etwas künstlichen Methoden, durch welche der genannte Mathematiker dasselbe gelöst hat, indem er bewies, dafs die fraglichen Kurven c, , c2 , c3 , c4 zusammen eine algebraische Kurve IY. Ordnung bilden müssen. Sodann wird ausführlich die Behandlung auseinandergesetzt, welche das Problem neuerdings durch Scheffers erfahren hat (im 28. Bande der Acta mathematica), und bei welcher das genannte Resultat Lies auf elegantem und rein analytischem Wege abgeleitet wird. Den Schlufs des Vortrags bilden kurze Bemerkungen über die analytische Dar¬ stellung der zu einer gegebenen Kurve IV. Ordnung gehörenden Translationsflächen und Hinweise auf Translationsflächen, welche mehr als vier Scharen kongruenter gleich¬ gestellter Kurven enthalten. Prof. Dr. Ph. Weinmeister legt einige stereometrische und kine¬ matische Modelle vor. VII. Hauptversammlungen. Erste Sitzung am 28. Januar 1904. Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend 151 Mitglieder und Gäste. Geh. Hofrat Prof. Dr. W. Hempel hält einen Experimentalvortrag über die chemischen Elemente. Zweite Sitzung am 25. Februar 1904. Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend: 66 Mitglieder und Gäste. Zur Vorlage kommt eine vom Verfasser der Isisbibliothek als Geschenk überwiesene Schrift von H. Conwentz: ,,Die Heimatkunde in der Schule“. Berlin 1904. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Prof. H. Engelhardt erstattet Bericht über den Kasse nab schlufs für 1903, mit dessen Prüfung Bankier A. Kuntze und Privatus E. Fritzsche beauftragt werden, und legt den Voranschlag für 19 04 vor, welcher genehmigt wird. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude gibt einen Aufruf zur Errichtung eines Denkmals für M. J. Schleiden in Jena bekannt und knüpft daran Worte über die Bedeutung Schleidens für die Botanik. Hauptmann E. Dietel-Pirna führt eine Reihe von Lichtbildern aus China mit erläuternden Bemerkungen vor, Dr. A. Naumann solche aus Dalmatien und Bosnien, die er auf einer im April 1903 dahin unternommenen Reise aufgenommen hatte. Dritte (aufserordentlielie) Sitzung am 26. Februar 1904. Vor¬ sitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend ungefähr 200 Per¬ sonen. In gemeinsamer Verabredung mit dem Dresdner Goethebunde, in welchem Prof. Dr. P. Schumann eifrig für die ästhetische Seite der Heimatschutz- 1 3 Bestrebungen eingetreten war, und unter Beitritt des Vereins für Erdkunde in Dresden, war ein Vortrag von Prof. Dr. H. Con wen tz -Danzig über Schutz der natürlichen Landschaft, ihrer Pflanzen- und Tier¬ welt, vornehmlich in Sachsen in der Aula der K. Technischen Hoch¬ schule angesetzt. Einladungen zu diesem Vortrage waren an die Ministerien, den Landeskulturrat, die Professorenkollegien von Dresden und Tharandt, den Sächsischen Forstverein, an verwandte Gesellschaften der naturwissenschaftlichen Gruppe und Bergvereine, besonders an die Meifsner „Isis“ und an den Gebirgsverein für die Sächsische Schweiz ergangen, so dafs eine sehr mannigfaltige Interessen vertretende Zuhörerschaft sich zusammen¬ gefunden hatte. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude^als Vorsitzender der „Isis“, welche die Fürsorge für den Ort der Versammlung übernommen hatte, begrüfst die Erschienenen und hebt die Bedeutung der Veranstaltung hervor. Den hier Versammelten liege in gleicherweise am Herzen, hinzuwirken auf den Schutz unserer heimatlichen Landschaft gegenüber solchen Schädigungen, welche nicht durch das rege Betriebsleben der Gegenwart unmittelbar als notwendig zu betrachten sind. Prof. Dr. H. Conwentz hält dann den angezeigten Vortrag. Im ersten Teile desselben bespricht der Redner die Gesichtspunkte in ähnlicher Weise, wie sie in seinem am 5. Dezember 1903 in der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin gehaltenen Vortrage zum Ausdruck gelangt sind*). Der zweite Teil des mit grofsem Beifall aufgenoinmenen Vortrages richtet sich auf die besonderen V erhältnisse Sachsens, die der Redner sich auf manchen durch das Land unternommenen Reisen zu eigen gemacht hat. Jede Abteilung des Voitrages wird be¬ gleitet von einer Vorführung von Lichtbildern, die teils die Verunstaltung der Natur grell zum Ausdruck bringen sollen, teils den verschiedenartigsten, des Schutzes und der Erhaltung bedürftigen Naturdenkmälern gewidmet sind. In eine Diskussion des reichhaltigen Gegenstandes tritt die Versamm¬ lung nicht ein, und so schliefst dieselbe mit einigen Bemerkungen des Vorsitzenden des Vereins für Erdkunde, Prof. Dr. H. Gravelius, und einer kernigen Ansprache des Vorsitzenden des Dresdner Goethebundes, Frei¬ herrn R. vonMansberg, die zugleich dem lebhaften Dank der Versammlung an den Kedner Ausdruck gibt. Vierte Sitzung am 24. März 1904. Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend 46 Mitglieder. Vorgelegt wird eine Einladung zur konstituierenden Versammlung eines Vereins für Heimatschutz. Prof. H. Engelhardt spricht über die geologische Entwicklung des Südwestens von Deutschland, Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude über die neueren Anschauungen über die Physiologie der Befruchtung im Pflanzenreich. Fünfte Sitzung am 28. April 1904. Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend 56 Mitglieder. Prof. H. Engelhardt teilt mit, dafs die Bechnungsprüfer den Kassen- abschlufs für 1903 geprüft und richtig befunden haben. Der Kassierer wird hierauf entlastet. *) Im Auszug mitgeteilt in der Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde Berlin, 1904, No. 3. 14 Der Vorsitzende erstattet Bericht über den Verlauf der koii- stituierenden Versammlung des Bundes „ Heimatschutz“ am 30. März 1904. Prof. Dr. E. Kalkowsky hält einen Vortrag über den Salzgehalt des Ozeans. Sechste Sitzung und Ausflug nach Meifsen am 12. Mai 1904. — Zahl der Teilnehmer 25 Mitglieder und 13 Gäste. Von Cölln aus, wo die Gesellschaft von Mitgliedern der Meifsner „Isis“ und des Verschönerungsvereins „Naturfreund“ empfangen werden, führt die Wanderung über die Proschwitzer Höhen nach der Karpfenschänke, von wo aus das Dampfschiff zur Fahrt nach Diesbar benutzt wird. Hier findet im Gasthof zum Hofs eine Hauptversamm¬ lung unter Vorsitz von Geh. Hofrat Prof. Dr. O. Drude statt, an der sich zahlreiche Mitglieder der beiden genannten Meifsner Vereine und des Bergvereins für Diesbar und Umgegend als Gäste beteiligen. Der Vorsitzende entwickelt Zweck und Ziele des Verbandes „Heimat¬ schutz“ und lenkt die Aufmerksamkeit auf einzelne Punkte der Umgebung von Meifsen, welche zu schützen sich besonders empfehlen würde. Apotheker M. Kuntzmann, Vorstand des Vereins „Naturfreund“ in Meifsen, be¬ richtet über die seiten dieses Vereins unternommenen Schritte zur Erhaltung der B oselspitze. Oberlehrer Dr. P. Kirbach erklärt die Bereitwilligkeit der Meifsner „Isis“ zur Unterstützung des Heimatschutzes. Nach gemeinsamem Mittagsmahl wandern die Teilnehmer über die rechtsuferigen Höhen nach Seufslitz und über Niederlommatzsch nach Schlofs Hirschstein, dessen Be¬ sitzer, Hauptmann a. D. Crusius, die Besichtigung des herrlichen Parkes mit vor¬ geschichtlichem Bund wall bereitwilligst gestattet hatte. Eine zwanglose Vereinigung der Isismitglieder und ihrer Gäste im Burgkeller zu Meifsen schliefst den Ausflug ab. Siebente Sitzung am 30. Juni 1904 (im K. Botanischen Garten). Vorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude. — Anwesend 39 Mitglieder und Gäste. Geh. Hofrat Prof. Dr. 0. Drude hält einen Vortrag über die Bedeu¬ tung der ökologischen Morphologie und Pflanzengeographie, mit Erläuterungen an aufgestellten Pfianzengruppen. Veränderungen im Mitgliederbestände. Gestorbene Mitglieder: Am 6. Februar 1904 starb Dr. phil. Felix Flügel, Vertreter der Smithsonian Institution in Leipzig, Ehrenmitglied seit 1855. Am 24. Mai 1904 verschied in Dresden Dr. ing. h. c. Friedrich Siemens, weltbekannt als Begründer der Aktien- Gesellschaft für Glas¬ industrie vorm. Fr. Siemens, wie durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Beleuchtungs- und Heizungstechnik. Unserer Gesellschaft gehörte der Verewigte seit 1872 als wirkliches, seit 1903 als Ehrenmitglied, dem Ver¬ waltungsrate derselben seit 1882 als werktätiges Mitglied an. Am 11. Juni 1904 starb Fabrikbesitzer und Stadtrat a. D. F. Robert Hirt in Dresden, wirkliches Mitglied seit 1886. 15 Neu aufgenommene wirkliche Mitglieder: Beyme, Georg H., Rittergutsbesitzer in Blasewitz, am 30. Juni 1904; Bohmig, Konrad Heinrich, Dr. med. in Dresden, am 24. März 1904; Gebier, Walter, Fabrikbesitzer in Pirna, am 28. Januar 1904; Geifsler, Alfred, Realschullehrer in Dresden, am 25. Februar 1904; Kühnscherf, Alexander, Techniker in Dresden, i ... Kühnscherf, Erich, Kaufmann in Dresden, J am ’ iVlarz Müller, Karl, Apotheker in Niederpoyritz, am 30. Juni 1904; Sohle, Ulrich, Dr. phil., Geolog in Dresden, i Tbümer, K. August, Dr. med. in Dresden, J am Januar iyü4* Aus den korrespondierenden in die wirklichen Mitglieder sind übergetreten: Dietel, E., Hauptmann und Batteriechef in Pirna; Ulbricht, R., Dr. phil., Professor a. D. in Loschwitz. Kassenabschlufs der naturwiss. Gesellschaft ISIS vom Jahre 1903. Position. Einnahme. Position. Ausgabe. 16 I ^ I 0500500 I t- I 05 I 50 05 | ^ ÄH«o005NbCOOH pkCCOCOCONCOW-^005 ,2?DrtH»Ol0«r-iH«05 S rH O ■'S 05 ’ ’tO Ö * 'rS .'S PS •PP CD' „ o P3 »O bJD © . « t/2 .J £ ‘3 ^ o fn f_h- 'S P3 pp s g ^.5 fl j»® 5^ so 05 02 05 Ph GC 05 ä a 03 fe P3 ® 05 o _ . .rö ö &D-S ® a'S 05 a a 4J o N tB Ddbdm ö 02 =2 © _ - . 05 P £ g 'S |>2 s | q ® o ff) oä CiCOrtfiOC02>00050 O IO 05 T* uO»OOCDOO ■SW00 00005 «3 Ci CO CO rl Sh« N00«0«0»0»0 ^CilCCOlOC005COCD Hr)->OHa5NCOCDN O5coooo?©coo£-o 0500COP»0®QO« CO rH CO H« CO o 05 05 k! o £ J I I I IO I »O ® io TP eü I I I I co I t* io t- co MHOlOOOhHOJHOOS 'SOCOhhhCJ co co 'S Ci H 05 'S ^ &ß cö fl © . :o3 m <* ä* .-gis 1.-Ö 8,8 g § j2mPi -H rP 05 05 8 3 *> *> g p 'a £ £ 2 a 05 nu 05 ®'Ä*Ö S «2 03 -rH ,2h 5_i «“H ^ bp „ Ss § g’-sg -g ” © i s.s l'S'B'S § a^pqOnP CS3 N bß a £>ßrS .+= a *' 606T Hx ’IS ra0A sanj[ map qoim fH öS a A 5 © 03 _o ^ es +3 a bß Pü a cs pp r& bß ’-P ^P 02 e'“ 05 • a a • co ,-h> a i — i 'a m ~h pj ce a ö 05 .t3 ~ ^ -p Q; o -? rflj» '»'EL'flro rjrj co 05 CQ Ü S cs ® > . t» © PI Ld H co S a |-S 111 »I ! 111 05 H a 02 03 02 05 05 05 .rH a 03 Ü o 05 O W<4pqcthP 02 bß S bß rP Ö ll'a'S © -P :£ o j« a«H jrö ?0J Jltf 6 ^ g.3 8 « CO ^ io co * Dresden, am 24. Februar 1904. Hofbuchhändler Gr. Lehmann, z. Z. Kassierer der Isis. Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS in Dresden. 1904. I. Über die jüngsten Schichten der Kreide Sachsens. Von Dr. W. Petrascheck. Die rege Bautätigkeit der letzten Jalire führte wiederholt in den süd¬ lichen Stadtbezirken Dresdens zu einer Verritzung der unter dem Quartär des Elbtales liegenden Kreidemergel. Bei einer solchen Gelegenheit machte Herr C, Droop, Mineralienhändler in Dresden-Plauen, eine reiche Ausbeute an Fossilien, die mir von ihm und später nach deren Erwerbung durch das Kgl. Mineralogisch -geologische Museum von Herrn Prof. Dr. E. Kal- kowsky in dankenswerter Weise zur Bestimmung überlassen wurde. Der Fundort der Fossilien ist die an der Grenze von Dresden und Strehlen gelegene Teplitzer Strafse und zwar der Teil, der in einem seichten Ein¬ schnitt die sanfte südwestlich von Strehlen gelegene Böschung nimmt. Bei Herstellung genannter Strafse stiefs man auf bräunlich-graue und graue Mergel, erstere lagen unten, letztere darüber. Sie sind dem Gestein nach leicht auseinander zu halten. Aus den bräunlichen, lichteren Mergeln liegt eine weit gröfsere Zahl von Fossilien vor, sie waren darin zweifellos häufiger, jedoch wurde von ihm eine gröfsere Menge Materials bewältigt. Der Erhaltungszustand ist ein ziemlich günstiger; zwar sind die meisten Stücke flachgedrückt und die Schalen oft verschwunden, doch bewahrte das feine Material gut die Details der Skulpturen. Meist sind es Skulpturen¬ steinkerne, aus der höheren, grauen Schicht liegen aufserdem noch eine Anzahl verkiester kleiner Gastropoden sowie Scaphiten vor. Bei den dünnen, glättschaligen Bivalven blieb die Bestimmung mitunter zweifelhaft, da sich das Schlofs nicht präparieren liefs. Ferner mufsten eine Anzahl der Gastro- podensteinkerne als unbestimmbar ausgeschaltet werden. Die untere Schicht bräunlicher Mergel lieferte folgende Arten*): Corax heierodon Reuss. ss. Osmeroides Lewesiensis Ag. s. Cladocyclus strehlensis Gein. ss. Oxyrhina angustidens Reuss. s. Scaphites spec. ss. Pachydiscus peramplus Maut. ss. Bacidites bohemicus Fr. u. Schl. h. Lytoceras spec. ss. Voluta subsemiplicata d’Orb. sp. ss. — canalifera Favre sp. ss. cf. Fasciolaria elongata Sow. sp. ss. Tudicla Cottae Röm. sp. ss. Aporrhais megaloptera Reuss. s. cf. — calcarata Sow. s. — aff. stenoptera Goldf. sp. ss. Cerithium Damesi Müll. ss. Turritella multistriata Reuss. s. Turbo Boimstorfensis Griepenk. ss. Pleurotomaria baculitarum Gein. ss. Dentalium striatum Sow. hh. *) hh. sehr häufig, h. häufig, s. selten, ss. sehr selten. 4 Dentalium medium Sow. hh. Venus parva Sow. ss. cf. Tapes faba Sow. hh. cf. — subfaba cTOrb. spec. ss. Icanotia elicita Stol. ss. Cardium bipartitum d’Orb. s. — semipapillatum Reuss. hh. — deforme Gein. s. — alutaceum Goldf. s. — turoniense Woods. ss. Eriphyla lenticularis Goldf. hh. Cardita tenuicosta Sow. spec. hh. Leda Försteri Müll. ss. Nucula pectinata Sow. s. — cf. producta Nilss. ss. Pectunculus Geinitzi d’Orb. s. Cucullaea subglabra d’Orb. ss. Area undulata Reuss. ss. Inoceramus Cuvieri Sow. h. — latus Sow. s. — cf. Brongniarti Sow. ss. Pecten inversus Nilss. h. — laevis Nilss. s. — virgatus Nilss. h. — cf. Dujardini Röm. ss. Lima granulata Nilss. s. Anomia subtruncata d’Orb. s. Exogyra lateralis Nilss. h. Terebratidina rigida Sow. hh. Holaster planus Mant. ss. Phymosoma radiatum Sow. sp. ss. Aus der oberen, grauen Mergelschicht liegen vor: Osmeroides Lewesiensis Ag. s. Scaphanorhynchus raphiodon Ag. ss. Scaphites Fritscln Gross. s. Turritella acicularis Reuss. h. Cardium semipapillatum Reuss. h. Cardita tenuicosta Sow. h. Leda Försteri Müll. ss. cf. Nucula pectinata Sow. s. Inoceramus latus Sow. s. Pecten Nilssoni Goldf. s. — spatulatus Röm. ss. — laevis Nilss. s. — virgatus Nilss. s. — inversus Nilss. s. Lima granulata Nilss. s. Ostrea hippopodium Nilss. s. Hierzu kommen noch eine Anzahl nicht näher bestimmbarer Gastro- podensteinkerne, wie sie in der unteren Schicht nicht gefunden wurden. In beiden Schichten sind überdies, in der unteren in weit höherem Grade als der oberen, Foraminiferen sehr häufig. Es wurde unterlassen, die¬ selben auszuschlämmen; soweit es auffällig grofse Individuen waren, ge¬ hörten sie den Gattungen Flabellina und Frondicularia an. Es bestehen also, trotz der Ähnlichkeit des Gesteins, faunistische Unterschiede zwischen beiden Schichten. Zwar kommen die meisten der aus der oberen angeführten Arten auch in der unteren vor, einige fehlen ihr aber doch, darunter zwei Arten {Scapliites Fritschi Gross, und Turri¬ tella acicularis Reuss), die auf ein junges Alter hinweisen. Beide Arten kommen in den Priesener Schichten, also an der Grenze von Turon und Senon vor. Immerhin aber ist die faunistische Verknüpfung beider Mergel¬ bänke eine so innige, dafs sie nicht als verschiedene Horizonte zu be¬ handeln sind. Von den angeführten Fossilien, unter denen übrigens eine Reihe für Sachsen neu und zum Teil auch in den gleichartigen Kreideablage¬ rungen Böhmens noch nicht nachgewiesen sind, ist die überwiegende Mehr¬ zahl, nämlich 31 Arten, auch bei Strehlen gefunden worden, was bei der gleichen Fazies auch sehr begreiflich ist. Trotzdem können die Mergel der Teplitzer Strafse nicht eines Alters mit dem Strehlener Plänerkalk¬ stein oder den Teplitzer Schichten Böhmens sein, denn in der Fauna machen sich Elemente bemerkbar, die auf ein entschieden jüngeres Alter hinweisen. Ein Teil derselben kehrt in den etwas jüngeren Tonen von 5 Zatzschke und den Priesener Schichten Böhmens wieder. Es sind das Arten, die aus dem untersten Senon, aus dem Emscher bekannt sind. Hierher gehört z. B. Cerithium JDamesi Müll., Turbo Boimstorfensis Griepk., Pleuro- tomaria baculitarum Gein.*), Voluta sub semiplicat a d’Orb. und V. canali- fera Favre sp., Leda Försteri Müll., Nucula producta Nilss.**), Pectunculus Geinitzi d’Orb., Area undidata Beuss, endlich die schon oben genannte Turritella acicularis Beuss und Scaphites Fritschi Gross. Selbst unter denjenigen Spezies, die auch in Strehlen gefunden wurden, herrschen wieder die Arten vor, die noch in jüngere Horizonte hinauf steigen. Charakte¬ ristische und häufige Strehlener Arten fehlen hingegen oder sind selten, ohne dafs etwa veränderte Fazies dafür verantwortlich gemacht werden könnte (vergl. Pachydiscus peramplus, Scapliites Geinitzi , die selten oder fraglich sind, Spondylus spinosus , Lima Hoperi , Terebratula semiglobosa , die nicht aufgefunden werden konnten). So weist die Fauna mit Be¬ stimmtheit daraufhin, dafs der Mergel von der Teplitzer Strafse etwas jünger ist als der Strehlener Pläner. Das Vorkommen von Scaphites Fritschi Gross, in seiner oberen Bank deutet auf die Tone von Zatzschke hin. Diese aber haben bis jetzt noch keine reiche Fauna geliefert. Geinitz zählt im Elbthalgebirge***) auf, was ihm bekannt geworden war. Beichlich sind dagegen die Fossilfnnde aus den gleichalterigen Priesener Schichten Böhmens. Die von Fricf) und von Jahn ff) herrührenden Unter¬ suchungen über diese Schichten haben festgestellt, dafs sie an der Grenze von Turon und Senon stehenfff). In ihren unteren Bänken finden sich noch turone Arten, während die oberen spezifisch senone Arten geliefert haben. Unten ist Nucula producta ein Leitfossil, das auch in den Tonen von Zatzschke häufig und ebenfalls an der Teplitzer Strafse vorgekommen ist. Auch Placenticeras d’ Orbignyanum Gein. und Scaphites Fritschi Gross, stellen sich hier ein. Diesen unteren Teilen der Priesener Schichten Böhmens entsprechen unsere Mergel von der Teplitzer Strafse in Dresden ebenso wie die Tone von Zatzschke. In dem Niveau der letzteren ist übrigens in den letzten Jahren von Herrn Bealgymnasiasten Joh. Winkler in Dresden -Neustadt ein neuer Aufschlufs gefunden und mit grofsem Fleifs auf Fossilien durchsucht worden. Die Lokalität befindet sich am Südrande des Blattes Stolpen der geologischen Spezialkarte von Sachsen im Lohmener Walde dort, wo die Schneifse No. 23 an den nördlichen Arm des Brausnitzbaches heran¬ tritt. Der kleine Bach hat hier an einer im Walde verborgenen, nach *) Bei Zatzschke nicht selten. **) Zwar ist das Original Nilssons, wie Hennig (Bevision af Lamellibr. i Nilssons Petrific. suec. Acta univers. Lundensis, Bd. 33, Lund 1897) hervorhebt, so mangelhaft, dafs eine genaue Definition der Art nicht möglich und diese daher einzuziehen ist. Jedoch kennt man aus den Priesener Schichten ebenso wie von Zatzschke eine Art, auf die man seit Beuss den Namen Nilssons anwendet. Zu dieser gehört auch diejenige, die uns vorliegt. Da dieselbe noch keinen neuen Namen erhalten hat, wenden wir vorläufig noch obige Bezeichnung an. ***) II, S. 197. f) Stud. üb. böhm. Kreideform. V: Priesener Schichten. Archiv, f. d. naturwiss. Landesdurchforsch. v. Böhmen, Bd. IX. ff) Jahrb. d. k. k. geol. Beichsanstalt 1895, S. 125. fff) Dabei kann die Behauptung Zahalkas (Jahrb. d. k. k. geol. Beichsanst. Bd. 49, 1899, S. 577), dafs die Teplitzer Schichten jünger als die Priesener Schichten sind, als evident unrichtig übergangen werden. 6 Aussage cles Herrn Winkler etwa 50 m langen Strecke einen dunkel¬ grauen harten Mergel angeschürft, in dem dünne Kalkschalen von Fossilien gar nicht selten sind*). Jedoch lassen nur wenige Stücke eine genaue Bestimmung zu. Herr Winkler, zum Teil auch ich selbst fanden hier: Scaphites Geinitzi d’Orb. Pleurotomaria baculitarum Gein. Turritella cf. multistriata Reuss. Natica Gentii Sow. Nucula pectinata Sow. — producta Nilss. Pecten Nüssoni Goldf. Unter diesen Fossilien sind Nucula- Arten, zu denen noch eine dritte, bisher nicht bestimmte Art kommt, die häufigsten. Die kleine Fauna ist charakteristisch für die Tone von Zatzschke und die Priesener Schichten. Das nicht seltene Vorkommen von Scaphiten in dem Tone von Zatzschke war die Veranlassung, dieselben als Scaphitenschichten zu bezeichnen. Dank der Freundlichkeit des Herrn Geheimrat Credner und Herrn Dr. Etzold konnte ich die von R. Beck**) gesammelten Scaphiten einer Durchsicht unterziehen. Auch das Kgl. Mineralogisch -geologische Museum zu Dresden besitzt etliche Exemplare von dort. Es liefsen sich insgesamt folgende Arten konstatieren: Scaphites Geinitzi d’Orb. j Scaphites Kieslingwaldensis Langenh. — Fritschi Gross. und Grundey, — Lamberti d’Orb. sowie die Übergangsform zwischen Sc. Lamberti und Sc. Geinitzi , auf die Jahn***) die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Durch diese Arten, zu denen sich als charakteristisches Leitfossil noch Placenticeras d’Orbig- nyanum Gein. gesellt, wird das Alter der Scaphitentone von Zatzschke genügend scharf präzisiert. Sie haben, was besonders noch hervorgehoben werden soll, nichts zu schaffen mit den Scaphitenplänern (Zone des Hete- roceras Reussianum und Spondylus spinosus) Nordwestdeutschlands. Sie gehören vielmehr in das jüngste Turon, dorthin, wo sich bereits Anklänge an das Senon zeigen. Sie sind als ein Äquivalent des Cu vieri-Pläners anzusehen, oder, wenn wir die durch Iukes Browne neuerlich so gut durchgearbeitete Kreide Englands zum Vergleich heranziehen, als ein Äquivalent seiner Zone des Micraster cor testudinarium. Turon und Senon sind in Böhmen auf das engste verknüpft. Will man die Grenze ziehen, so müfste man sie, wie Jahnf) bemerkt, mitten in die Priesener Schichten legen. Nicht überall aber ist das, wie aus den Untersuchungen Fries hervorgeht, der Fall. In Nordböhmen liegen auf den Priesener Schichten noch die Quadersandsteine der Chlomeker Schichten mit einer Fauna des untersten Senons. Dort aber, wo Chlomeker Schichten entwickelt sind, haben die Priesener Schichten nicht nur geringere Mächtig¬ keit wie weiter südlich, wo Chlomeker Schichten fehlen, sondern sie zeigen auch eine Fauna, in der senone Elemente mehr zurücktreten, eine Fauna, die mehr den tieferen Schichten des Profils von Priesen entspricht. Es *) Über den Tonen liegen, die Böhe nordöstlich des Aufschlusses bildend, mürbe Quadersandsteine, die demnach zum Überquader gehören dürften. **) Erläuterungen zur Sekt. Pirna, S. 74. ***) 1. c. S. 183. f) h c. S. 140. 7 hat daher den Anschein, als ob eine teilweise fazielle Vertretung statt¬ finde und zwar so, dafs die tieferen Teile der Priesener Schichten durch¬ wegs als Tone entwickelt sind, dafs jedoch die höheren Bänke der Priesener Schichten in dem Gebiete, wo Chlomeker Schichten nicht zur Ablagerung kamen, eben den Chlomeker Sandsteinen entsprechen. In Sachsen liegt über den nur wenige Meter mächtigen Tonen von Zatzschke der Überquader, der nichts anderes als die Chlomeker Schichten Böhmens ist. Als ich*) mich vor einigen Jahren mit diesem beschäftigte, betonte ich wohl die Zusammengehörigkeit desselben mit den Chlomeker Schichten Nordböhmens und dem Kieslingswalder Sandstein. Die neueren Arbeiten über beide letzteren lagen aber noch nicht vor und ebenso war die Fauna des norddeutschen Untersenons noch nicht so gut wie heute bekannt. Ich suchte daher das Äquivalent des Überquaders in dem Ge¬ steine des Salzberges, in der Zone des Marsupites ornatus. Die Arbeiten Fries**) und Sturms***) geben nunmehr ein vollständigeres Bild von der Fauna des in Sachsen durch den Überquader repräsentierten Niveaus und lassen eine noch weitergehende Übereinstimmung erkennen. Sturm prä¬ zisierte den Kieslingswalder Sandstein als zum Emscher gehörend. Diesem entspricht demnach auch der Überquader. Unsere Aufsammlungen wurden damals noch eine Zeit lang fortgesetzt und dabei festgestellt, dafs in noch höherem Grade senone Arten vorwiegen, als schon betont wurde. Was als Micraster cf. cor testudinarium bezeichnet wurde, erwies sich an bes¬ seren Steinkernen als Cardiaster ananchytis Leske sp. Der Inoceramus Brongniarti wurde von Herrn G. Müller, Berlin, geprüft und als nicht mehr zu dieser Art gehörend befunden. Er ähnelt zwar gewissen senonen Formen, doch ist es nicht möglich, den Steinkern mit Sicherheit zu be¬ stimmen. Die Pholadomya nodulifera ist die auch bei Kieslingswalde vor¬ kommende Pholadomya elliptica Münst. Neu fand sich Liopistha aequi- valvis Goldf. und eine vielleicht neue Banoy aea. Von besonderer Wichtig¬ keit sind die glücklichen Funde des Herrn Dr. K. Deninger, die das Er¬ gebnis von bis in die letzte Zeit fortgesetzten Aufsammlungen sind. Wie mir genannter Herr freundlichst mitteilte, gelang ihm der Nachweis folgender für den Überquader neuen Fossilien: Placenticeras d’ Orbignyanum Gein., Hamites sp., Panopaea Geinitzi Holzapf., Venus faba Sow., Pholas sclerotites Gein. und Sequoia Beichenbachi Gein. Von dem zuerst genannten Am¬ moniten liegen zwei schöne grofse Exemplare vor, wie sie auch in den Chlomeker Schichten Böhmens gefunden wurden, welche letztere von Grossouvre mit Unrecht zu Placenticeras Fritschi Gross, gestellt wurden. Demnach würde die Fauna des Überquaders, soweit es sich um sicher bestimmbare Reste handelt, folgende Arten umfassen: Placenticeras d’ Orbignyanum Gein. Nautilus rugatus Fr. und Schl. Pholadomya elliptica Münster. Liopistha aequivalvis Goldf. Panopaea Geinitzi Holzapf. Pholas sclerotites Gein. Venus faba Sow. Cyprina quadrata d’Orb Cardium Ottoi Gein. Pinna cretacea Schloth. Vota quadricostata Sow. Lima canalifera Goldf. *) Über das Alter des Überquaders im sächsischen Elbthalgebirge. Abhandl. der Isis in Dresden 1897, S. 24. **) Chlomeker Schichten. Archiv, naturw. Landesdurchf. v. Böhmen Bd. 10. ***) Der Kieslingswalder Sandstein. Jahrb. d. k, preufs. geolog. Landesanst. 21 (1900). 8 Alectryonia frons Park. Ostrea semiplana Sow. Exogyra lateralis Nilss. Catopygus albensis Gein. Cardiaster ananchytis Leske. Sequoia Beichenbachi Gein. Hierzu käme noch ein spezifisch nicht näher bestimmbarer von Herrn Joh. Winkler gefundener Pachydiscus *) sowie ein Seestern, den Geinitz als Stellaster cf. elegans Forbes und Dixon bezeichnet hatte**). Das senone Gepräge der Fauna kommt nunmehr noch deutlicher zum Ausdruck, als es nach unserer früheren Mitteilung der Fall war. Unter Berücksichtigung der Fauna der Chlomeker Schichten und der Kieslings- walder Sandsteine kann man sagen, dafs der Überquader gleiches Alter wie die Sande vom Löhofsberge bei Quedlinburg und Spiegelsberge bei Halberstadt haben, er gehört der Zone des InoceramuS" Koeneni Müll ***) an. Jedoch dürfte in dem böhmisch¬ schlesischen Äquivalente des Überquaders auch noch die nächst jüngere Zone des Emschers enthalten sein. Die vorstehenden Erörterungen, sowie unsere früheren Untersuchungenf) ermöglichen es, unter Benutzung der grundlegenden stratigraphischen und palaeontologischen Arbeiten namentlich von Geinitz, Beck und Schalch die Schichtfolge der Kreide von Sachsen in sehr genaue Übereinstimmung mit derjenigen Nordwestdeutschlands sowohl wie Englands und des Pariser Beckens zu bringen. Es lassen sich die Schichten der Kreide Sachsens in folgende Gliederung zusammenfassen: Unterer Emscher. Cuvieri- Stufe. Scaphiten- Stufe. Brongniarti - Stufe {sensu stricto) Labiatus- Stufe. Überquader. Cuvieri - Mergel von der Teplitzer Strafse in Dresden und Scaphiten -Ton von Zatzschke. Obere Abteilung mit Acanthoc. Neptuni , Scaphites Geinitzi, Lima Hoperi : Spinosus-Pläner von Strehlen- Weinböhla (Brongniarti- Pläner) und Brongniarti - Quader der Sächsischen Brongniarti- Schweiz. Stufe (der Untere Abteilung mit Acanthoc. sächsischen Woollgari und Prionotropis caro- Geologen) linus : Brongniarti -Mergel von Räck¬ nitz, Brongniarti-Pläner von Krietzsch¬ witz und Hoher Schneeberg, _ Grünsand¬ stein mit Bhynchonella bohemica , un¬ terer Teil des Brongniarti-Quaders von Tetschen und Elbleiten. Labiatus -Pläner und Labiatus -Quader. Zone des Actino- camax plenus. Cenomane Quader-Stufe. Carinaten- Pläner und Plänersandstein. Carinaten - Quader. Crednerien - Stufe. *) Vergl. W. Petrascheck: Ammoniten d. sächs. Kreide. Beitr. z. Pal. u. Geol. Österr.-Ung. 14 (1902), S. 138. **) In Sitzungsber. der Isis in Dresden 1882, S. 70 als St. albensis Gein. erwähnt. ***) Vergl. G. Müller in Zeitsch. d. deutschen geol. Ges. 1900, S. 39. f ) Studien üb. Faciesbildungenin der sächs. Kreide. Abhandl. d. Isis in Dresden 1899, S. 31. 9 Der Parallelismus der sächsischen Kreidehorizonte mit denen Englands und des Pariser Beckens in der Gliederung, wie sie Grossouvre*) und Iukes Browne**) in ihren Monographien gegeben haben, ist ein voll¬ kommener. Behalten wir in Ermangelung charakteristischer Leitfossile die Namen Cenomanquader und Überquader für den ältesten bez. jüngsten Horizont bei, so kann folgendes Schema zur Vergleichung dienen: Sachsen F rankreich England Überquader Coniacien (. Barroisiceras Haber¬ fellner i) Z. of Micr. cor ang. Upper Z. of Micr . cor Chalk testuä. Z. of Holaster planus Cuvieri- Stufe Scaphiten- Stufe Brongniarti- Stufe Labiatus- Stufe Angoumien Z. of Terebratu- Middle lina Chalk Z. of j Rhyncho- nella Cuvieri Saumurien Plenus-Zone Cenoman- Quader Z. of Actinoca- Lower max plenus Chalk übrige Cenoman- Zonen Cenomanien Die Erkenntnis, dafs in den Mergeln von der Teplitzer Strafse in Dresden ein Niveau vorliegt, das jünger als der Plänerkalk von Strehlen ist, hat auch Bedeutung für die Tektonik des Elbtales bei Dresden. Da das Fallen der Schichten auf den Höhen von Plauen und Kaitz sowohl wie bei Strehlen ein flach nordöstliches ist, würde man in den Mergeln von der Teplitzer Strafse, ungestörte Lagerung vorausgesetzt, eine Schicht suchen, die älter ist, als der Strehlener Pläner. Der Umstand, dafs sie jünger sind, deutet auf einen Bruch hin, der ein nochmaliges Auftauchen älterer Schichten bewirkt. Man wird kaum fehlgehen, wenn man das Hervortreten des Strehlener Kalkhügels auf einen nordwestlich streichenden Bruch zurückführt, an dem der südwestliche Flügel etwas abgesunken ist. Das Niveau des Strehlener Pläners dürfte unter der Lehmdecke südlich von Zschertnitz, woselbst Geinitz***) bei einer Brunnengrabung Strehlener Fossilien nachgewiesen hat, vielleicht auch noch in den Zschertnitzer Mergeln die Scaphites Geinitzi d’Orb. geliefert haben, selbst zu suchen sein. Zudem ist es wahrscheinlich, dafs die Strehlener Verwerfung, zu deren Annahme wTir soeben geführt wurden, nicht die einzige ist, die sich an der Bildung des linken Gehänges der Elbtalwanne von Dresden be¬ teiligt. Auf den Höhen oberhalb Plauen und bei Kaitz liegen ältere *) Recherches sur la craie superieure. I. Stratigraphie generale. Mem. ponr serv. ä l’expl. de la carte geol. Paris 1901. **) The cretaceous rocks of Britain. 3 Bde. Mem. of the geol. snrv. London 1900 — 1904. ***) Sitzungsher. d. Isis in Dresden 1865, S. 65. 10 Schichten, Cenoman und unteres Turon, an ihrem Fufse, oft ganz in der Nähe von Aufschlüssen in ersteren, jedoch beträchtlich tiefer, stehen jüngere Horizonte an. Nicht immer genügt das sehr flache Einfallen der Schichten zur Erklärung dieser Tatsache. Eine von meinem früheren Kol¬ legen, dem jetzigen Kgl. Preufsischen Geologen Dr. E. Naumann mir gegenüber geäufserte Ansicht, dafs an den Gehängen von Plauen-Räcknitz ein Bruch vorhanden sein könne, gewinnt sehr an Wahrscheinlichkeit, um¬ somehr, als weiter elbabwärts bei Niederwartha ein solcher linkselbischer Bruch, der dem dortigen Elbtale den Charakter eines Grabens verleiht, durch Beck und Dalmer nachgewiesen worden ist, ein Bruch, der sich übrigens noch etwas weiter nach Südost in die Kreide verfolgen läfst. Dafs es auch an dem Gehänge von Plauen an Verwerfungen nicht fehlt, war vor einem Jahre beim Baue einer am oberen Teil der Hohen und Coschützer Strafse verbindenden noch namenlosen Strafse zu beobachten. Man hatte Labiatus-Pläner mit der darunter liegenden Tonmergelschicht angeschnitten, die neben einem Bruche zu einer kleinen flachen Mulde und einem ebenso flachen Sattel zusammengestaucht waren. Jenseits, östlich des Bruches, standen nach abwärts geschleppte Plänerbänke an. Dieser Bruch schien nördliches bis nordöstliches Streichen zu besitzen und dürfte wohl den Charakter einer kleinen Querstörung haben. II. Über europäische Zwergvölker*). Von Dr. K. Deninger. Weit verbreitet unter den Völkern sind die Sagen von Zwergen. In unseren deutschen Sagen und Märchen spielen sie ja eine grofse Rolle, und bis in die neueste Zeit hat sie die Wissenschaft ausschliefslich auf dieses Gebiet verwiesen. Jetzt ist es allgemein bekannt, dafs auf der Erde heutzutage noch zahlreiche Zwergvölker leben, die ihre Heimat vor¬ wiegend in Afrika haben. Ihr Auftreten in den verschiedensten Teilen dieses Weltteils läfst darauf schliefsen, dafs alle diese Gruppen einst in Zusammenhang standen und dafs die jetzt noch erhaltenen Volksstämme die letzten Reste einer früher über Afrika allgemein verbreiteten Bevöl¬ kerung darstellen. Auch in Südasien leben einige Zwergvölker und in neuester Zeit will man sie auch in Amerika aufgefunden haben. Allen diesen Völkern ist aufser der geringen Körperhöhe eine sehr niedere Kultur¬ stufe gemeinsam. Fast alle Zwergvölker sind ausschliefsliche Jägervölker. In unseren deutschen Sagen sind die Zwerge mit so vielen übernatür¬ lichen Zutaten versehen worden, dafs es schwer hält, aus ihnen Material für die Zwergforschung zu schöpfen. Ganz anders steht es damit in den schweizer Sagen**). Hier werden die „Wildmännli“, in Graubünden auch „Fänggen“ genannt, als ein Naturvolk von kleinem Wuchs geschil¬ dert. Sie leben an schwer zugänglichen Stellen des Gebirges zu kleinen Horden vereint in Felshöhlen. Im Sommer gewährt ihnen ihre starke Behaarung genügenden Schutz und nur im Winter bekleiden sie sich aufser- dem mit Fellen. Es sind gutmütige Naturkinder, die selten den Menschen etwas zu leid tun, ihnen dagegen häufig durch Hülfeleistung nützen. Ihre Gewandtheit im Laufen und Klettern wird stets gerühmt. Die Menschen machen sich gelegentlich auch den Scherz, ein solches Wildmännli einzu¬ fangen — eines soll sogar nach Rom gesandt worden sein — , worauf dann der Rest des Völkchens auf Nimmerwiedersehen auswandert. Diese Schilderungen der bündner Sagen stimmen so vorzüglich mit dem überein, was wir von anderen Zwergvölkern wissen, dafs man sich nicht recht vor¬ stellen kann, wie Sennen diese Dinge sollten frei erfunden haben. Da es sich hier um Sagen deutscher Schweizer handelt, müfsten die Fänggen noch nach der Völkerwanderung in den Alpen gelebt haben. Dies ist vorläufig aber weder als erwiesen, noch als unmöglich anzusehen. *) Vortrag gehalten in der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden am 3. März 1904. **) Georg Luck: Rätische Alpensagen. Davos 1902. 12 Nun brachten aber in den letzten Jahren prähistorische Forschungen in der Schweiz ganz überraschende Tatsachen zu Tage, die einen wichtigen Fortschritt auf dem Gebiet der Zwergforschung bedeuten*). In den Jahren 1891 — 1893 wurde von Dr. Nüesch in Schaffhausen die prähistorische Niederlassung am Schweizersbild in der Nähe dieser Stadt ausgebeutet, und neben zahlreichen Stein- und Knochengeräten der älteren und jüngeren Steinzeit fanden sich auch eine Anzahl von Grabstätten der Steinzeitmenschen. Die Gräber, mit denen wir uns hier zu beschäftigen haben, gehören sämtlich der älteren neolithischen Periode an und wurden von Professor Kollmann in Basel einer eingehenden anthropologischen Untersuchung unterzogen. Er fafst die Resultate dahin zusammen: „Es wurden 1. Knochenreste von Menschen gefunden, die eine ansehnliche Körper¬ höhe besafsen, wie sie unter uns als Regel angesehen wird, nämlich von 1,60 m Körperhöhe und darüber; 2. Knochenreste, welche offenbar von Pygmäen herrühren, d. h. von Menschen mit einer Körperhöhe von weit unter 1,60 m, deren kleiner Wuchs gleichwohl nichts mit dem auf krankhafter Unterlage entstandenen Zwerg¬ wuchs gemein hat. Das Schweizersbild liefert also Belege, dafs in Europa während der neolithischen Periode neben den hochgewachsenen Varietäten des Menschen auch eine pygmäenhafte Varietät gelebt hat, sowie dies noch heute in anderen Kontinenten der Fall ist und offenbar dort auch schon in der ältesten Zeit der Fall war.“ Die Mafse der Menschen vom Schweizersbild werde ich weiter unten mit denen von anderen Fundpunkten aufführen und will deshalb hier nur erwähnen, dafs sämtliche Männer der grofsen, die Frauen aber der kleinen Rasse angehören. Bald kam weiteres Material zum Vorschein. Bei Chamblandes, in der Nähe von Lausanne, wurde ein Gräberfeld aufgedeckt, das ebenfalls Reste von kleinen Leuten enthielt. Ferner fand Professor Kollmann die Menschenreste wieder auf, welche im Jahre 1874 von Dr. von Mandach in der Höhle im Dachsenbüel bei Schaff hausen gesammelt worden waren, und es stellte sich heraus, dafs sich auch unter diesen pygmäenhafte Leute befanden. Herkunft Ge¬ schlecht Körperhöhe nach Manouvrier Schweizersbild P 1416 5? P 1355 55 P: 1500 Kleine Dachsenbüel P 1300 j ( Rasse? 1 55 cf ■ 1450 ' Chamblandes 4 P 1450-1520 ] 1 55 Schweizersbild Dachsenbüel cf cf cf 1580-1680 1662 ! 1650-1660 I Grofse [ Rasse? *) J. Nüesch: Schweizersbilch Zürich 1902 (2. Auf!.); J. Nüesch: Dachsenbüel. Zürich 1902. 13 Berücksichtigt man nur die beiden nordschweizerischen Fundstellen, so liefse sich die Trennung einer grofsen und einer kleinen Menschenrasse aufrecht erhalten. Man müfste dann mit Professor Kollmann die Grenze etwa bei 1,50 m ansetzen und es verblieben dann für die Pygmäen sämt¬ liche Frauen und der eine Mann vom Dachsenbüel, für die grofse Rasse zwei Männer von 1,65 — 1,66 m. Eine Frau von 1,50 als pygmäenhaft zu bezeichnen, scheint mir allerdings etwas gewagt, aber der Kernpunkt der Frage scheint mir weniger auf den Begriff der Pygmäen hinauszulaufen als darauf, ob hier zwei verschiedene Rassen vorliegen oder nicht. Für diese Frage scheint aber die Art, wie die Menschenreste zusammen gefunden wurden, nicht unwichtig zu sein. Im Dachsenbüel wurden nämlich die Reste des grofsen Mannes von 1,65 m mit denen der kleinen Frau von 1,30 m in einem sorgfältig angelegten Grabe zusammen bestattet aufge¬ funden. Wenn aber Menschen unter solchen Umständen zusammen be¬ stattet werden, so ist der Schlufs wohl erlaubt, dafs sie nicht nur neben¬ einander, sondern miteinander gelebt haben. Wenn zwei verschiedene Rassen auch friedlich nebeneinander leben, so werden sie doch nie ihre Angehörigen mit allen Ehren zusammen bestatten. Höchstens bei ganz intensiver Rassenvermischung dürfte dies Vorkommen, und dann ist es uns bei so spärlichen Resten überhaupt unmöglich, verschiedene Völker aus¬ einander zu halten. Nun ist der Unterschied zwischen einem Manne von 1,65 m und einer Frau von 1,30 m allerdings sehr beträchtlich. Berück¬ sichtigen wir aber, dafs dies auch so ziemlich die extremsten Gröfsen- unterschiede der schweizer Neolithiker sind und dafs derartige Unterschiede nicht nur bei Kulturvölkern, sondern auch bei Naturvölkern sehr häufig Vorkommen, so liegt kein Grund vor, der gegen die Zugehörigkeit dieser Leute zu ein und demselben Volke spricht. Noch viel einfacher liegen die Verhältnisse in Chamblandes. Hier schwankt die Gröfse der Männer zwischen 1,58 — 1,68 m, diejenige der Frauen zwischen 1,45 und 1,52. Wollte man hier nach der Körpergröfse zwei verschiedene Rassen unterscheiden, so müfste man wiederum die Männer zur grofsen, die Frauen zur kleinen Rasse rechnen. Hier liegt aber augenscheinlich ein Volk vor, das zwar nicht grofs aber durchaus nicht pygmäenhaft ist und bei dem der Gröfsenunterschied zwischen Männern und Frauen ziemlich beträchtlich ist. Kurz erwähnen möchte ich noch, dafs die anthropologische Unter¬ suchung der Knochenreste wohl einige Merkmale niederer Menschenrassen an diesen Skeletten aufgefunden hat, dafs aber das Gesamtergebnis doch bleibt, dafs wir es hier mit Vertretern der kaukasischen Rasse zu tun haben. Wenn ich mich nun der Ansicht von Professor Kollmann, dafs hier die Reste zweier verschiedener Menschenrassen vorliegen, nicht anschliefsen kann, so mufs doch die Tatsache anerkannt werden, dafs die Neolithiker der Schweiz ein durchschnittlich sehr geringes Körpermafs besafsen. Will man diese Leute mit den Zwergsagen der Schweiz in Zusammenhang bringen, so braucht man nur anzunehmen, dafs sie durch die eindringende spätere Bevöl¬ kerung mehr und mehr in die schwer zugänglichen Täler des Hochgebirges zurückgedrängt wurden. Die Zersprengung in kleine Horden mit ungünstigen Existenzbedingungen konnte noch weiter zu einem Kleinerwerden der Men¬ schen beitragen. Unbedingt nötig ist es übrigens gar nicht, dafs diese Leute je zu den Mafsen der afrikanischen Zwergvölker herabgesunken sind, denn auch so mufsten sie den hochgewachsenen Alemannen als Zwerge erscheinen. 14 Nun gibt es auch auf den Mittelmeerinseln Sizilien und Sardinien eine auffallend grofse Zahl kleiner Leute, so dafs versucht wurde, diese mit anderen Zwergvölkern in Zusammenhang zu bringen. Die Zwerge dieser Inseln sind aber meiner Auffassung nach durchaus eine lokale Er¬ scheinung. Sardinien hat wie so viele Inseln ja seine eigene Zwergtierwelt ausgebildet. Alle wildlebenden Säugetier-Arten dieser Insel sind beträcht¬ lich kleiner als die entsprechenden Arten des Festlandes. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dafs die gleichen Ursachen, die das Kleinerwerden der übrigen Säugetiere der Insel hervorgebracht haben, auch auf die dort¬ lebenden Menschen eingewirkt haben. Ich möchte hier auch einmal die Aufmerksamkeit auf die interessante Stadt Alghero in Sardinien lenken, wo sich eine spanische Kolonie seit wenigen Jahrhunderten un vermischt erhalten hat. Diese Leute, die doch zweifellos nicht von Pygmäen ab¬ stammen, zählen zu den kleinsten der ganzen Insel. Hier könnte man nur die Inzucht in der verhältnismäfsig kleinen Kolonie zur Erklärung dieser auffallenden Tatsache heranziehen. III. Über Eigenschaften der Eollodinmmembran. Yon H. Reben storff. Giefst man die Lösung von Nitrozellulose*) in einem Gemisch von Alkohol und Äther auf eine glatte, nicht poröse Fläche, so bleibt nach dem Verdunsten des Lösungsmittels ein Häutchen zurück, das man vielfach unversehrt von der Fläche ablösen kann. Die so hergestellte Membran diente einigen Forschern zu osmotischen Untersuchungen. Schuhmacher (Pogg. Ann. Bd. 110, 1860, S. 337) stellte das bemerkenswerte Verhalten der Kollodiumhäutchen fest, dafs sie Alkohol schneller als Wasser diffun¬ dieren lassen, sich also diesem Körper gegenüber entgegengesetzt verhalten wie Tiermembranen. Gleiche Eigenschaften zeigten indessen auch Häutchen von Bohnenhülsen und von Caulerpa prolifera. Bei diesen Untersuchungen trat die grofse Langsamkeit der Diffusion durch Kollodium hervor. Damit hängt natürlich der hohe elektrische Widerstand der in einer Zersetzungs¬ zelle zwischen den Elektroden angebrachten Kollodiummembran zusammen, worauf Hittorf (Zeitschr. für phys. Chemie Bd. 43, 1903, S. 247) hinweist und als Folge des Umstandes bezeichnet, dafs diese Membran eine Lösung kaum einsaugt und trocken bleibt. Zweck der vorliegenden Arbeit ist eine weitere Untersuchung der Eigenschaften der Kollodiumhaut im Anschlufs an neuere Erfahrungen bei der Zubereitung möglichst dichter Ballons aus dem eigenartigen Material. Ich gelangte dazu, nachdem ich im vorigen Jahre eine von dem sonst em¬ pfohlenen Verfahren etwas abweichende Herstellungsart dieser Ballons be¬ schrieben hatte (Zeitschr. f. d. phys. u. ehern. Unt. XVI, S. 31), die einen bequemen Ersatz der zu Luftballon- und anderen Unterrichtsversuchen dienenden Hüllen ermöglichen sollte. Während es für diese Zwecke keineswegs auf äufserste Dichtheit ankommt, ist diese Eigenschaft eine Bedingung für die Benutzung der Membran zu zahlreichen andern, zum Teil schon in dieser Arbeit angedeuteten Anwendungen. Deshalb sei zunächt das mancherlei Rück¬ sichten erfordernde Verfahren der Herstellung dichter Ballons beschrieben. *) Als Entdecker des Kollodiums wurde lange Zeit der „junge Amerikaner May- nard“ an erster Stelle genannt. Georg W. A. Kahlbaum wies indessen vor kurzem nach, dafs dem Entdecker der Schiefsbaumwolle Christian Schönbein unstreitig die Priorität gebührt (Mitteil. zur Gesch. d. Medizin u. d. Naturw. 1902, S. 20). Dieser hat sich bereits 1846 über die Löslichkeit nitrierter Zellulose ausgesprochen und spätestens zu Ende dieses Jahres die Verwendbarkeit der Lösung in der Wundpflege erkannt. Maynard trat damit erst hervor, als Bigelow 1848 als erster in Amerika die medi¬ zinische Benutzung empfohlen hatte. Der Name Kollodium stammt von Augustus A. Gould. (Nach dem Referat in der Zeitschr. f. d. phys. u. ehern. Unt. XV, S. 370.) 16 I. Zubereitung dichter Kollodiumhallons. Die vorhandenen Schwierigkeiten gliedern sich in solche, die das Heraus¬ holen eines nicht eingerissenen Ballons aus einem Rundkolhen als Rest eines eingetrockneten Wandbelags von Kollodiumlösung betreffen, und solche, die die Vermeidung feiner Undichtheiten an scheinbar unversehrten Hüllen hat. 1. Die Glaswand. Geeignet sind Rundkolben von 6 — 10 cm Durch¬ messer (für die zunächst in Betracht kommenden Zwecke) mit kurzem, nicht zu engem Halse. Erforderlichen Falles ist letzterer abzuschneiden und der neue Halsrand in der Flamme umzulegen. Giefst man in einen be¬ liebigen Kolben Kollodiumlösung, verteilt sie durch Drehen auf die Kolben¬ wände und schüttet den Überschufs zurück, so ist nach teilweisem oder völligem Verdunsten des Lösungsmittels die zurückbleibende Haut nur selten gleich das erste Mal ohne Rifs herauszubekommen. Sie haftet an gewissen Stellen der Glaswand fest, die nicht völlig rein und nicht immer durch Ausspülen allein zu reinigen sind. Bisweilen gelingt es, durch Umschütteln mit Sand, Filtrierpapierresten und Wasser, reichlichem Nachspülen und Trocknen mit Alkohol und Äther es so weit zu bringen, dafs schon beim ersten oder einem der folgenden Versuche die Kollodiumhaut sich gleich - mäfsig ablöst. Manche Glaswände behalten aber an gewissen Stellen auch nach den erwähnten Mafsnahmen gröfsere Adhäsion zum Kollodium bei. In solchen Fällen füllt man den Kolben mit Kaliumbichromat-Schwefelsäure- lösung und läfst ihn damit kalt tagelang oder in der Hitze (Wasserbad, um Überkochen zu verhüten) einige Stunden stehen. Darauf wird wie vorhin mit Wasser gespült und getrocknet. Während eine solche Vorbereitung bei keinem Versuche, einen Ballon zu machen, aufser acht bleiben sollte, auch wenn man ihn nur als Luft¬ ballon steigen lassen will, mufs man zur Vermeidung des Auftretens sehr kleiner Löcher weiter darauf achten, dafs die Innenwand des Rundkolbens möglichst frei ist von eingeschmolzenen Luftbläschen, die nach innen konvex vorspringen. An solchen Stellen entsteht oft regelmäfsig ein feines Loch, zunächst freilich wohl nur eine äufsert dünne Wandung, die aber beim ersten Einblasen von Luft aufplatzt. Ist ein Kolben während längerer Zeit zur Ballonbereitung nicht be¬ nutzt worden, so verschlechtern sich wieder die Adhäsionsverhältnisse der Wandung; nach einigen vergeblichen Versuchen, durch die man sich nicht abschrecken lassen darf, erhält man aber wieder Ballons von der früheren Beschaffenheit. Es ist wahrscheinlich und wird gegenwärtig erprobt, dafs Kolben ihre geeignete Wandbeschaffenheit lange bewahren, wenn man sie mit etwas Äther wohl verschlossen aufbewahrt. 2. Die Kollödiumlösimg. Stellt man Ballons nach den älteren Vor¬ schriften her, indem man die auf der inneren Kolbenwand verbliebene Lösung durch mehrtägiges Stehen fast oder ganz eindunsten läfst und die zum Teil von selbst losgegangene Haut mit äufserster Vorsicht heraus¬ zieht, so erhält man gewöhnlich Ballons von verzerrter Kugelform, deren Durchmesser erheblich kleiner als der des Kolbens ist. Da infolgedessen die Dicke der Kollodiumschicht nicht zu gering ausfällt, kann man von dem gewöhnlichen Kollodium (zu 4 °/0) der Apotheken Gebrauch machen. Bereitet man indessen die Ballons nach der weiter unten mitgeteilten Anweisung, so werden die Ballons durch das Aufblähen der noch weichen Kollodiumhaut dünnwandiger, und es empfiehlt sich, das besonders zu bestellende Kollodium triplex (zu 6 °/0) zu benutzen. Man erleichtert sich die Arbeit sehr, wenn man auch diese Lösung noch dadurch etwas kon¬ zentriert, dafs man sie bei recht trockener Luft im Freien zwischen zwei Gefäfsen in langem dünnem Strahle mehrmals hin- und hergiefst. Ge¬ haltsbestimmungen macht man sehr einfach durch Abwägen von etwas Lösung vor und nach dem Abdunsten zwischen gut schliefsenden, leer ge¬ wogenen Uhrgläschen. Für die Gewinnung genau kugelförmiger Ballons von gröfster Dichtheit ist es wichtig, dafs die benutzte Lösung durch Herumwälzen und längeres Stehenlassen der verschlossenen Flasche — dies auch zum Aufsteigen der Luftblasen, eine möglichst gleichmäfsige Beschaffenheit erhält. Besonders durch das Zurückfliefsen des Kollodium¬ überschusses aus den Kolben wird die Lösung von ungleicher Konzen¬ tration, so dafs die damit hergestellten Ballons aus mehreren verwachsenen Kugeln zu bestehen scheinen. Zweckmäfsig erscheint es mir, nach schnellem Zurückgiefsen des gröisten Teils vom Kollodiumüberschufs einen Gummistopfen auf seine Mündung zu setzen, durch dessen Durchbohrung, die ein sehr kurzes Glasröhrchen enthält, der Überschufs in die Kollodium- Vorratsflasche abfliefst. Hierbei steht natürlich der Kolben verkehrt und senkrecht direkt über der offenen Flasche. Nach etwa 2 Minuten beschliefst man den stockenden Abflufs durch Auflegen der warmen Hand auf den Kolben, hebt den Stopfen ab und klemmt den Kolben in der zuletzt eingenommenen Stellung an einem Stative fest. Es ist von Be¬ deutung, dafs auch jetzt noch etwas Lösung abrinnt, damit der Ballon¬ hals ein wenig dickwandiger wird. Den Gummistopfen reinige man sofort, am besten mit glattem Seidenpapier unter Benutzung eines Glasstäbchens für die Durchbohrung; Leinen fasert und verschlechtert beim nächsten Gebrauche des Stopfens die abrinnende Lösung, da an feinen Fäserchen in der Membran Luftkanäle entstehen können, wie die Beobachtung zeigte. Zum eventuellen Färben des Kollodiums setzt man die ätherische Lösung des Anilinfarbstoffes hinzu und mischt durch Schütteln, Umwälzen der Flasche und langes Stehenlassen. Feuchtigkeit, die sich aus der Luft beim Eindunsten der Lösung infolge der Abkühlung niederschlägt, macht die Membranen opak und wahrscheinlich weniger fest und dicht. Die Ballonbereitung nehme man daher in recht trockener, warmer Luft vor. 3. Das Herausziehen des Ballons aus dem Kolben. Den auf der Innenwand mit der Lösung gleichmäfsig benetzten Kolben läfst man wenigstens eine Stunde in der Stativklemme. Zum Herausziehen des Ballons lege man sich aufser einem Glasrohr von etwa 25 cm Länge und der Dicke eines starken Bleistiftes Stücke weichen Bindfadens (baum¬ wollenes Stopf- oder Wiebelgarn), sowie kurze Glasstöpselchen aus zu¬ geschmolzenen Röhrchen bereit, mit denen man ein auf das Glasrohr ge¬ setztes kurzes Schlauchstück verschliefsen kann. Die Enden des Glas¬ rohres müssen gut rund geschmolzen sein. Nachdem man mit einem Messer die Kollodiumhaut an der Kolben¬ mündung ringsherum gelöst und sie durch geringes Unterschieben der Klinge etwa 1 cm weit vom Glase abgehoben hat, versieht man das Glas¬ rohr mit dem kurzen Schlauchstück und senkt es mit dem andern Ende durch den Kolbenhals 1 — 3 cm tief in den Bauchteil des Kolbens ein. Nun drückt man mit dem Zeigefinger ein Randstück des losgemachten Ballonhalses gegen das Glasrohr und dreht den Kolben mit der andern Hand um das Glasrohr als Achse. Die Ballonwand löfst sich hierbei vom 18 Kolbenhalse ab und legt sich in lockeren Schraubenwindungen um das Glasrohr. Letzteres halte man recht leicht in der Hand, so dafs man dem schwachen Zuge nach dem Kolbenbauche folgt, der beim Aufwinden des Ballons auf das Glasrohr ausgeübt wird. Nach einigen Umdrehungen kann man den seitlichen Druck des Zeigefingers auf Ballonhals und Glas¬ rohr auf heben, da genügend fester Sitz beim drehenden Aufwinden ent¬ steht. Hat man einmal zu früh mit diesem Drucke aufgehört oder ist durch stundenlanges Stehen des Kolbens vor dem Hervorziehen des Ballons dessen Halswandung schon fast erstarrt und daher glatter geworden, so nimmt man zum längeren Andrücken des Ballonhalses an das Glas¬ rohr ein kurzes Holz- oder Glasstäbchen zu Hilfe. Ist durch fortgesetztes Drehen des Kolbens (oder des Glasrohres in entgegengesetztem Sinne) ein gröfserer Teil des Kolbenbauches von der Membran frei geworden, so denke man beim weiteren Drehen daran, dafs das Glasrohr nicht dem Kolbenboden zu nahe kommt. Man halte es also etwas zurück und lasse die letzten Windungen des Ballons sich in der Verlängerung des Glas¬ rohres ausbilden. Man zieht alsdann unter Drehungen im gleichen Sinne, Glasrohr und Ballon aus dem Kolben und bläst sofort nicht zu schnell zur Kugel auf. Auch der Ballonhals wird hierbei von dem Glasrohr frei, so dafs man meistens letzteres leicht in den Ballonhals zurückziehen kann, was für manche Anwendungen der Ballons erwünscht ist. Während man hierbei den Ballonhals nur ganz lose hält, um den senkrecht nach unten hängenden Ballon vor dem Herabfallen zu bewahren, drückt man nun¬ mehr die Wand des Ballonhalses unter Drehungen des Glasrohres so an dieses an, wie wenn man ein loses Zigarrendeckblatt wieder anlegen will. Es kommt nämlich unterhalb der Befestigungsstelle des Ballons leicht zur Bildung feiner Öffnungen, wenn daselbst die Ballonhaut gar zu unregel- mäfsig zerknittert ist. Nach oder während des Andrückens bläst man den Ballon wieder schwach auf und schliefst das Schlauchstück am Glas¬ rohr mit einem Stöpselchen ab. Zweckloses Einblasen von feuchter Atemluft ist durchaus zu vermeiden. Man spannt nun das Glasrohr recht fest senkrecht in eine Stativklemme ein und bindet den Ballonhals durch nicht zu straffe Umschnürungen mit dem weichen Garn auf dem Glas¬ rohr fest. Dann löst man vorübergehend das Glasstöpselchen und bläst den Ballon langsam je nach dem Zwecke, dem er dienen soll, mehr oder weniger auf, wras bis zu einem etwa um die Hälfte gröfseren Durchmesser meistens leicht möglich ist. Nach dem Abschliefsen des Glasrohres läfst man den Ballon völlig erstarren. 4. Das Erhärten der Kollodiummembran. Hat der Ballon völlige Dichtheit, so behält er beim Verdunsten der Reste des Lösungsmittels, das in zwei Stunden bis auf Spuren entfernt ist, seinen Durchmesser fast unvermindert bei. Die Membran zieht sich nämlich beim Erstarren er¬ heblich zusammen, aber der hierdurch entstehende gröfsere Innendruck weitet den noch etwas weichen Ballon wieder aus. Eine gewisse Volum¬ abnahme wird aber dadurch bedingt, dafs der Dampf des Lösungsmittels schneller nach aufsen diffundiert, als Luft nach innen (s. die unten be¬ schriebenen Diffusionen von Gasen, die in der die Membran durchtränkenden Flüssigkeit löslich sind). Hatte der Ballon indessen eine undichte Stelle, die wie schon erwähnt, über einer kleinen, nach innen konvexen Wölbung der Glaswand, sowie bei einem Fäserchen im Kollodium entstehen kann, so geht der Ballon schneller oder langsamer an Gröfse zurück und wird w schlimmsten Falles so unansehnlich, dafs man ihn auch dort nicht ge¬ brauchen wird, wo er nicht völlig dicht zu sein braucht. Da es nicht leicht ist, Kolben mit nur ganz wenigen Luftbläschen zu erhalten und daher die Ballons sehr oft ein ganz feines Löchlein besitzen werden, so sei erwähnt, dafs letztere um so seltener entstehen, je konzentrierter die Lösung gemacht war (z. B. 71/2pn>zentig), dafs man ferner die feine Öffnung nachträglich schliefsen kann. Hierzu mufs sie freilich erst ge¬ funden sein. Man verbinde das Glasrohr des Ballons mit einem längeren Gummischlauch und drehe den Ballon, während man ihn mit dem Munde auf bläst (Druck gleich etwa 20 cm Wassersäule) nahe dem Auge so, dafs dieses alle Wandstellen abprüfen kann. Auch ein äufserst feiner Gas¬ strom ruft am Auge Kältegefühl hervor und meistens gelingt es nun, die kreisrunde Öffnung zu sehen. Eine Uhrmacherlupe vor dem andern Auge oder eine in hohem Stativ befestigte gewöhnliche Lupe erleichtert die Auffindung des oft an der Grenze der Sichtbarkeit befindlichen Löchleins. Es ist bemerkenswert, dafs zahlreiche, erheblich kleinere Öffnungen in den Ballons höchstens an Fäserchen Vorkommen. Wären sehr feine kon¬ vexe Blasenerhöhungen in der Glaswand, so würden sie von dem flüssigen Kollodium wohl genügend stark überdeckt werden. Zum Schliefsen einer entdeckten feinen Öffnung genügt ein kleiner Tropfen Kollodium von 6 °/0, den man mit einem mit dem äufsersten Ende in die Lösung getauchten dünnen Glasstäbchen recht schnell aus der Flasche auf die Öffnung bringt. Der innendruck ist dabei vorher fast aufzuheben, und durch etwa eine halbe Minute fortgesetztes Blasen gegen das Tröpfchen mit angenähertem Munde oder aus einem Lötrohr das Festwerden zu beschleunigen. War der Ballon erst einige Minuten zuvor aus dem Kolben genommen, so ge¬ lingt das feine Bisterchen so gut, dafs man es nur schwierig später wieder¬ findet. Einen Ballon, an dem man erst nach einer Viertelstunde des Andieluftbringens noch dichten will, bestimme man lieber nicht zu Anwendungen, bei denen es auf besondere Dichtheit ankommt. Versucht man das Schliefsen einer Öffnung an einem fast erhärteten Ballon, so ent¬ stehen ungleichmäfsige Faltungen, die eine Quelle neuer viel gröfserer Löcher werden. Solange der Bezug blasenfreier Kolben für Kollodiumballons, den ich zu erreichen hoffe, nicht möglich, wäre ein Dichtungsmittel anderer Art, als das die erstarrte Wand wieder lö¬ sende Kollodium erwünscht. In vielen Fällen liefert aber die Befolgung der ge¬ gebenen Fingerzeige Ballons von schön¬ ster Form und Dichtheit. Schliefst man an das Ballonglas¬ rohr ein Quecksilbermanometer, so zeigt dies den inneren Überdruck an, der in etwa 15 Minuten seinen gröfsten Betrag von 60 mm und darüber überschreitet. Um nach dem Anschlufs an das Mano¬ meter wieder auf blähen zu können, schalte man ein T-rohr in die Schlauch¬ verbindung ein , an dessen drittem Schenkel ein Schlauch mit Quetschhahn zum Einblasen sitzt (wie bei Fig. 1). Der ** Fig. 1. 20 beim Erstarren der Ballonwand sich ausbildende Überdruck zersprengt bisweilen unter Knall die Hülle. Die Ballons halten den Druck aber fast stets aus , wenn sie nicht gerade nahe einer Wärmequelle oder im direkten Sonnenlicht sich befinden. Man kann indessen zur Vorsicht statt des kurzen geschlossenen Schlauchstückes an das Glasrohr einen dichten längeren Schlauch anschliefsen, der in ein Glasrohr ausläuft, das bis auf den Boden eines 8 cm hoch mit Quecksilber gefüllten Standcylinders ein¬ gesenkt ist. Natürlich mufs man vor dem Abschliefsen eines Rohres durch das Quecksilber den Ballon aufblasen und den Schlauch bis nach dem Einsenken zudrücken. II. Eigenschaften der Ballonmembran. 5. Wanddicke des Ballons. Aus der Flächengröfse, dem absoluten und spezifischen Gewicht von Stücken der Ballonwand findet man leicht die Wandstärke. Für einen ganzen Ballon fällt die so gefundene Zahl etwas zu grofs aus, da die Hülle nach dem Halse zu sehr an Dicke zu¬ nimmt. Aus solchen Bestimmungen erhält man, das spez. Gew. der Nitro¬ zellulose = 1,53 angenommen*), Werte von 1/200 bis 1/100 mm. Die Festigkeit der Ballonwand ergibt sich in roher Annäherung aus der zu 0,675 . 10~3 cm gefundenen Dicke der Reste eines durch 9 cm Queck¬ silberdruck zersprengten Ballons von etwa 8 cm Durchmesser zu 1,8 kg pro mm2. Für Holzfaser findet man in Kohlrauschs Handbuch die Festig¬ keit gleich 1,5 — 5 kg angegeben. Natürlich ist die Tragfähigkeit gröfser als berechnet, da der Rifs von der dünnsten Stelle ausgeht. An besonders weit aufgeblähten Ballons sind Farben dünner Blättchen höherer Ordnung nichts Seltenes, freilich nicht an den mittleren, sondern an den Randpartien der Kollodiumkugel, wo der Lichteinfall schräger ist. Die niemals gleichmäfsige Verteilung der Wanddicke kann man sehr deutlich nach den moireartigen, etwa 8 mm von einander verlaufenden Interferenzstreifen beurteilen, die man im Lichte einer kräftigen Natrium¬ flamme sieht (Teclubrenner mit durchlochter Asbestplatte mit Brom¬ natrium). Da man die Streifen im durchfallenden Lichte im Abstande von mehreren Metern gut sehen kann, so liefert die Erscheinung einen brauch¬ baren optischen Schulversuch. Nach dem Halse zu schliefsen die Kurven gleicher Dicke darstellenden Interferenzlinien immer näher aneinander auf, was nur in nächster Nähe zu sehen ist. Bei der geringen Dicke der Ballonwände sind dieselben sehr be¬ weglich. Beim langsamen Aufblasen oder Zusammensaugen eines Ballons schwankt ein seitlich angeschlossenes Wassermanometer kaum um 1 — 2 mm. Für einige Anwendungen zu Unterrichtsversuchen ist diese Eigenschaft von Bedeutung. Selbst der elektrische Wind von einer mit der Influenz¬ maschine verbundenen isolierten Spitze bläst einen Ballon auf. 6. Die Dichtheit. Zur Prüfung, ob ein Ballon ziemlich dicht ist, braucht man ihn nur mit dem Munde aufzublasen, den am Glasrohr *) Die Dichte der Nitrozellulose hängt vom Nitrierungsgrade ab. Es sind in der Literatur wenig Angaben darüber vorhanden. Herrn Professor Dr. von Walther danke ich die Kenntnis der Angabe des spez. Gewichts der Schiefswolle gleich 1,634 bei Guttmann: Schiefs- und Sprengmittel, S. 104. Mir ergab die Dichtebestimmung an dem Verdunstungsrückstande der Kollodiumlösung durch Wägung in Luft und in Wasser den Wert 1,535', durch Versuche des Schwebens von Ballonflittern in fast ge¬ sättigter Jodkaliumlösung nach der Methode von Dufour erhielt ich die Dichte gleich 1,56. 21 sitzenden Schlauch zuzudrücken und zu warten, bis sich vielleicht schon nach wenigen Sekunden ein schwaches Knistern als Zeichen des Ver¬ schwindens eines inneren Überdruckes einstellt. Für Luftballon- und manche andere Unterrichtszwecke sind vom Glasrohr gelöste oder noch daran befestigte Ballons verwendbar, auch wenn sie bei der Probe schnell ihre geringe Dichtheit zeigen, da sie nach dem Aufblähen ihre Form be¬ wahren und einen Gasinhalt wegen der sehr kleinen Druckdifferenz oben und unten aus kleinen Öffnungen nur langsam verlieren. Dies geht übrigens auch aus der Verwendbarkeit der käuflichen Kollodiumballons hervor. Zum Absuchen nach undichten Stellen kann man aufser dem oben erwähnten Verfahren folgendes Mittel gebrauchen. Während man durch Einblasen in einen längeren, an das Ballonglasrohr angeschlossenen Gummischlauch, den Ballon aufgeblasen hält, läfst man ihn langsam auf einer gröfseren Wasseroberfläche rotieren. Ein Strom feiner Bläschen zeigt die Öffnung an. Nicht selten dringen Bläschen dort hervor, wo der Ballon auf dem Glasrohr festgebunden ist. In solchen Fällen kann man den Ballon öfters dadurch ganz dicht machen, dafs man weiter unten einen zweiten Faden umlegt. Um bei dieser Probe den Ballon ganz unterzu¬ tauchen, mufs man natürlich den Druck mit dem Glasrohr dadurch unter¬ stützen, dafs man mit der flachen Hand gegen den Kugelteil des Ballons drückt. Eine genauere Angabe des Dichtheitsgrades erhält man durch An- schlufs des Ballons an ein Wassermanometer und Beobachtung der Zeit der Druckabnahme nach Herstellung eines bestimmten Druckes. Um nicht durch die Nähe des Körpers unbrauchbare Kesultate zu erhalten, Fig. 2. beobachtet man das Manometer (m, s. Fig. 2) mit dem Fernrohr, wobei eine scharfe Erkennung der Zeitpunkte für die einzelnen Manometerstände möglich wird. Der Ballon wird mit seinem Glasrohr von einer Stativ¬ klemme festgehalten oder durch einen Kork gesteckt, der den Tubus einer mehr breiten, als hohen Glasglocke g schliefst. Die Glocke wird auf untergeschobenen Holzklötzchen so aufgestellt, dafs Luftwechsel be¬ steht. Der Druck wird etwa mit einem Gummigebläse erhöht, wobei 22 man zur Vorsicht den Schlauch nur wenig öffnen darf (zudrücken bei d mit den Fingern nach schwachem Öffnen des Schraubenquetschhahns q), um nicht das Wasser des Manometers ganz hinauszuwerfen. Zwischen dem Ballon und dem Gebläse, dem man sich ja zu nähern hat, stellt man zweckmäfsig einen Schirm s aus Fensterglas auf. Nachdem man den Druck auf etwa 20 cm Wassersäule gebracht hat, schliefst man den Quetschhahn und beobachtet das Manometer durch das Fernrohr. Sobald der Wassermeniskus einen bestimmten Teilstrich be¬ rührt, löst man ein Chronoskop aus und hält es wieder an, sobald der nächste Teilstrich erreicht wird. Die so erhaltene Zahl ist ein genaues Mafs der Dichtheit des Ballons, vorausgesetzt, dafs nicht inzwischen Druck und Temperatur sich erheblich geändert haben und nicht der Ballon kurz vorher in einer Umgebung von anderem Feuchtigkeitsgehalt geweilt hatte. Die bekannten Variometerschwankungen*) lassen sich stets an einem mit dem Wassermanometer verbundenen Ballon beobachten, sobald ein innerer Überdruck im Ballon besteht, während sie bei schlaffen Ballon¬ wänden sich an diesen auszugleichen scheinen. Strahlung wirkt sehr schnell auf den Druck im Ballon; das Manometer hat in 5 — 10 Sekunden fast ganz den Einstellungswechsel beendet, den eine in der Ferne an¬ gezündete oder ausgelöschte Flamme hervorruft. Der Einflufs geänderter Luftfeuchtigkeit geht aus dem weiter unten Mitgeteilten hervor. Ballons können schon als sehr dicht angesehen werden, bei denen die Druckabnahme z. B. von 17 bis auf 15 cm Wassersäule mehr als eine Minute in Anspruch nimmt. Durch Verbindung des Schlauches z mit dem U-rohr r, an das die Bürette b mit Wasser gesetzt war, wurde festgestellt, dafs nach dem Herauslassen des Überdruckes aus dem Ballon, für eine Druckerhöhung um je 2 cm Wassersäule stets nahezu gleichviel Wasser aus der Bürette in das U-rohr übertreten mufste. Nur die erste Druckzunahme von 0 — 2 cm brauchte wegen kleiner Falten auf der Ballon¬ wand etwas reichlicheres Eindringen von Luft, die durch das Wasser der Bürette verdrängt wurde. Das für 2 cm Druckzunahme nötige Luft¬ volumen schwankte je nach der Gröfse des Ballons um 1,2 ccm. Das gleiche Luftvolumen trat natürlich aus, wenn der Druck durch Ent¬ weichen von Luft durch die Wände um 2 cm abnahm. Berechnet man sich nach den Gesetzen über das Ausströmen der Gase die Gröfse einer Öffnung, durch die bei einem der Ballons, der den Druck von 17 auf 15 cm in 3 1/2 Minuten sinken liefs, in dieser Zeit 1,2 ccm Luft bei einem mittleren Drucke von 16 cm Wassersäule ausfliefsen könnten, so findet man den Querschnitt von 1,12.10~4 mm2. Eine solche Öffnung könnte nun freilich in der Ballonwand vorhanden sein oder mehrere noch kleinere, die sich in den berechneten Lochquerschnitt teilten. Da aber die Kollodiumballons ein gutes Mittel abgeben zum Trennen gewöhnlicher staubhaltiger Luft von solcher, die keine Nebelkerne ent¬ hält, so mufs man sie für frei von Öffnungen halten, durch die jene winzigen Gebilde, deren Querschnitt von sehr viel kleinerer Gröfsenordnung ist als der oben gefundene Querschnitt, hin durch drin gen können, wenn gar- kein oder nur kurze Zeit ein kleiner Überdruck besteht. Anders liegt die Sache, wenn der Druck dauernd einwirkt. Bisher habe ich hierüber nur folgenden Versuch gemacht. *) M. Toepler, Wied. Ann. Bd. 57, 1896, S. 472, und Ann. d. Phys. Bd. 12, 1903,2 S. 787. 23 Fig. 3. In eine Flasche mit Boden tubus (Fig. 3), der durch einen Kork mit Glasrohr verschlossen war, wurde etwas Wasser, sowie ein Kollodiumballon eingebracht, dessen Glasrohr in einem Gummistopfen steckte, mit dem die Flasche oben verschlossen wurde. An das Glasrohr des Bodentubus war ein Schlauch mit Quetschhahn angeschlossen. Durch wiederholtes Verdichten der Luft durch Einblasen in den mit einem Schlauch verbundenen Ballon, einiges Warten nach Zudrücken dieses Schlauches und Öffnen desselben bildet man Nebel in der Luft um den Ballon herum, der sich zunächst langsam, nach einigen Wiederholungen schneller senkt und die Nebelkerne schliefslich vollständig zu Boden fallen läfst. Gelangen nur einzelne Stäubchen oder andere Nebelkerne in die Flaschenluft, so werden sie durch eine Entspannung bei fntensivbeleuchtung mit einem Lichtkegel aufs deutlichste sichtbar. Es wurde nun nach Öffnen des Quetschhahnes der Ballon ganz aufgeblasen und dessen Glasrohr mit einem Aspirator aus zwei Flaschen mit Bodentubus verbunden, aus dem Zimmerluft in den Ballon einströmen konnte. Um die Menge der so die Ballonwände durchsetzenden Luft zu bestimmen, führte der von dem Bodentubus der Ballonflasche kommende Schlauch in eine pneumatische Wanne, wo sich in 32/s Stunden 50 ccm Luft in einem Cylinder an¬ sammelten. Der wirkende Druck betrug nur 8 cm Wassersäule; der Ballon war besonders dünnwandig und eigentlich einer derjenigen, die viel schneller Luft durchliefsen als andere. Nachdem durch Saugen am Ballonrohr unter Eindringen von Wasser durch den Bodentubus der Ballon genügend verkleinert war, wurde eine Verdichtung und Entspannung der Flaschen¬ luft vorgenommen. Es zeigten sich nur einzelne Nebeltröpfchen, die auch wohl durch die beim Einsaugen des Wassers nicht ganz vermeidbare Tropfen¬ bildung desselben und die hierbei reichlich entstehenden Kerne veranlafst sein konnten. Jedenfalls wirkte der dünnwandige Ballon auf die 50 ccm Luft, die Millionen von Kernen enthielten, als Filter. Über den Luftdurchtritt können auch folgende Messungen etwas aus- sagen. Während der Ballon von Zimmerluft umgeben war, wurden die Zeiten notiert, die zum stufenweisen Sinken eines Überdruckes von 17 cm um je 2 cm nötig waren. Von zahlreichen Messungen seien nur die folgenden angeführt, die angestellt wurden, nachdem der Einflufs eines Feuchtigkeitswechsels der Luft gefunden und aufser Wirkung gesetzt war. Die für die allmählichen Druckabnahmen um 2 cm gefundenen Zeiten, also die Differenzen der für die Augenblicke des Manometerdurchganges durch die um die gleiche Gröfse getrennten Werte notierten Zeiten sind in Sekunden: 215, 477, 793, 1180, 1685, 2358, 3550. Der fünfte dieser Werte entspricht dem Sinken des Druckes von 9 auf 7 cm, also dem Ausströmen der Luft beim mittleren Drucke von 8 cm, der Hälfte des mittleren Druckes für das Ausströmen, auf das sich die erste Ziffer der Reihe bezieht. Nach dem Torricellischen Gesetz sind nun die Ausströmungs-Geschwindigkeiten den Quadratwurzeln aus den Druckhöhen direkt proportional. Da sich nun die ersteren Gröfsen umgekehrt verhalten wie die zum Ausflufs gleicher Volumina erforderlichen Zeiten, so sind die letzteren den Quadratwurzeln aus den Druckhöhen umgekehrt proportional. 24 Man sieht nun sofort, dafs die Zahlen der obigen Reihe viel schneller zunehmen, als es beim Ausströmen durch unverändert bleibende Öffnungen sein miifste. Beim Durchfliefsen kapillarer Röhren sind die Zeiten für die Bewegung gleicher Volumina den Druckhöhen annähernd umgekehrt pro¬ portional; obige Zahlen nehmen aber besonders im Anfänge viel schneller zu. Von der vierten Zahl an könnte man allenfalls den Ausflufs als durch Kapillaren erfolgend ansehen. Es macht die schnelle Abnahme der Zeiten bei Zunahme des Druckes den Eindruck, als wenn die Bahnen für die Luft erst durch den Druck geschaffen oder wenigstens stark erweitert würden. Inwiefern die Lösung des Gases im Stoffe der Membran mitwirkt, wird später zu untersuchen sein. Fig. 4 stellt das Sinken des Druckes mit der Zeit in wohl ohne weiteres verständlicher Weise dar. 0 500 1000 2000 3000 Zeit in Sekunden. Bringt man den Ballon in feuchtere Luft, so tritt zunächst eine Ver- gröfserung der Ballonfläche ein, nach deren Beendignng man erst wieder in der geschilderten Weise Messungen über die Dichtheit der Membran machen kann. Es zeigt sich, dafs die Zeiten für die Druckabnahme sehr zugenommen haben. Auch nachdem die Manometerbewegung von 17 bis 15 cm fünfmal so langsam geworden, nimmt bisweilen infolge direkter Be¬ deckung des dann undurchsichtig werdenden Kollodiums mit Wassertröpfchen in gesättigt feuchter Luft die Dichtheit der Membran noch weiter zu. Zahlenwerte für die Druckabnahmen unter diesen Umständen seien nicht angegeben, da sie infolge der wechselnden Wasserbedeckung zu veränderlich waren. 7. Wasseraufnahme der Kollodiumhaut. Wenn auch ein Aufquellen dieser Membran in feuchter Luft und in Wasser durchaus nicht statt¬ findet und sie darin vielmehr gewissermafsen trocken bleibt, so ist doch die Ausdehnung auffallend grofs, die durch Wasseraufnahme herbeigeführt wird. Ein Ballon, der nach längerem Aufenthalt in Zimmerluft gewogen war, verliert unter dem Exsikkator 1 — 2 °/0 an Gewicht, sein Volumen nimmt dabei um mehrere Kubikzentimeter ab. Unter die Glocke, in deren Tubus ein Kork mit einem dichten Ballon sich befand (vgl. Fig, 2), wurde stunden- 25 und tagelang entweder ein Schälchen mit Schwefelsäure oder mit Wasser aufgestellt und die Änderungen des Ballonvolumens dadurch bestimmt, dafs durch Bewegung des Wassers der Bürette b so viel Luft aus dem Ballon gesaugt oder hineingetrieben wurde, bis der Druck wieder um 1 cm Wassersäule gröfser als der äufsere Luftdruck war. Änderungen von Luft¬ druck und Temperatur in der Zwischenzeit wurden berücksichtigt. In etwa einer Stunde war die Hälfte der Volumänderung des Ballons infolge Wechsels der Luftfeuchtigkeit erreicht, hierauf schritt die weitere Volum¬ änderung sehr langsam vor. Tn einem Tage nahm das Volumen eines Ballons von 248 ccm Gröfse in Zimmerluft um 15,4 ccm zu, wenn an Stelle der Schwefelsäure Wasser unter die Glocke gebracht war. Die bei noch längerer Einwirkung von feuchter Luft erfolgende Volumzunahme ist etwas gröfser. Direkt mifst man mit dem Apparat eine geringere Volumänderung, da heim Anfeuchten der Luft der Umgebung sich auch das Innere des Ballons mit einigen Kubikzentimeter Wasserdampf erfüllt, die beim Trocknen der umgebenden Luft wieder durch die Membran gehen. Für die obige Volumzunahme wurde das Dampfvolumen berechnet und der gemessenen geringeren Zahl hinzugefügt. Aus der Volumzunahme ergibt sich eine Vergröfserung des fast 8 cm betragenden Durchmessers des Ballons um 0,162 cm, d. h. um etwa 1/48. Dieser linearen Dilatation entspricht die erheblich erscheinende dreimal so grofse Volumzunahme des Kollodiums beim Durchfeuchten. An Gewicht nahm ein nach Aufenthalt im Exsikkator 0,1493 gr schwerer Ballon unter einer feuchten Glasglocke um 0,0097 gr zu, was annähernd mit der an¬ gegebenen Volumzunahme des Kollodiums übereinstimmt; wegen der Aus¬ scheidung von feinen Tröpfchen auf der Oberfläche der unter einer feuchten Glocke befindlichen Gegenstände kann man auf die Gewichtszunahme keinen besonderen Wert legen. 8. Wanderung von Wasser durch Kollodiumhaut. Füllt man einen Ballon mittels eines Trichterrohres mit Wasser und hängt ihn an einem Faden frei in der Luft auf, so läuft seine glänzende Oberfläche erst beim Behauchen an. Der Hauch verschwindet aber wieder in einiger Zeit, je¬ doch etwas langsamer als auf der Oberfläche eines in der Nähe aufge¬ stellten, behauchten Glaskolbens. Senkt man ein Thermometer durch das Glasrohr des Ballons bis in das Wasser ein oder drückt man dessen Ge- fäfs von aufsen gegen die Kollodiumwände, so ersieht man aus dem tieferen Stande die beständige Verdunstung von Wasser durch die Membran. Diese verhält sich wie die menschliche Körperhaut bei mittlerer oder geringer Luftfeuchtigkeit. Die Mengen des durchtretenden Wassers sind nicht ganz klein. Ein 470 gr Wasser enthaltender Ballon verlor je nach Temperatur und F euchtigkeit der Zimmerluft zwischen 22,7 und 33,9 g pro Tag an Ge¬ wicht, eine Menge, deren Volumen der Gröfsenordnung nach mit dem durch den gleichen geringen Überdruck durch die Wände eines dichten Ballons getriebenen Luftvolumen übereinstimmt. Mit der Verdunstung durch die Kollodiumhaut wurde diejenige von der Oberfläche zweier mit Wasser gefüllter Tierblasen verglichen. Da diese nicht überall dicht waren, so mufsten sie auf einen frei in der Luft stehenden Teller gelegt werden. Die täglichen Wägungen zeigten, dafs gleiche Flächen der Blasen, trotzdem diese überall feucht waren, weniger Wasser verdunsten liefsen , als die' äufserlich völlig trocknen Kollodium¬ ballons. Die Ursache^hierfür hat man wohl in hygroskopischen, aus der 26 Tiermembran gelösten Stoffen zu suchen, die sich an der feuchten Ober¬ fläche der Blase konzentrieren. Bringt man den mit Wasser gefüllten Ballon in einen abgeschlossenen Raum, z. B. in die auf eine abgeschliffene Glasplatte gesetzte Glocke der Fig. 2, so sättigt sich natürlich bald die umgebende Luft mit Feuchtigkeit. Es erscheint allmählich ein Wasserhauch auf den Ballonwänden; zum Ab¬ tropfen kommt es bei dichten Ballons nicht. Auch die Wasseraufnahme durch Kollodiumhaut hindurch konnte kon¬ statiert werden. Ein mit etwa 100 gr starker Chlorkalziumlösung versehener Ballon nahm, frei in der Zimmerluft hängend, beständig an Gewicht zu. Anfangs betrug die Wasseraufnahme pro Stunde etwa 0,19 g, nach einigen Stunden nur noch 0,n g. Schon Schuhmacher bemerkte (a. a. 0.), dafs Kollodiummembran bei längerer Einwirkung von Kalziumlösungen sich ver¬ änderte. Genauere Vergleiche der Verdichtung von Wasser aus der Luft in den Ballons mit derjenigen an der Oberfläche von Lösungen in Uhrgläschen könnten der verschiedenen Aufstellung der hygroskopischen Flächen wegen nicht berechtigt erscheinen. Eine ungefähre Übereinstimmung erhält man indessen, wenn man die anfänglich beobachteten Gewichtszunahmen der Ballons in Betracht zieht. 9. Durchgang wasserlöslicher Gase durch die Membran. Die Diffusion durch dichte Kollodiumhaut findet nicht nach den Gesetzen der freien Diffusion und derjenigen durch poröse Wände statt. Wenigstens diffundiert Kohlensäure auch durch wasserarmes Kollodium schneller als die Bestand¬ teile der Atmosphäre. Durch diese Membran dringt in feuchten Gasen das¬ jenige überraschend schnell hindurch, welches in Wasser eine gröfsere Lös¬ lichkeit besitzt. Ähnlich verhalten sich wohl alle Membranen, die Wasser in ihre molekularen Zwischenräume aufnehmen können; es fehlte aber bis¬ her an hinreichend dünnen und doch lochfreien Membranen dieser Art, um den Durchgang wasserlöslicher Gase zu untersuchen. Diese Gaswan¬ derung verdient umsomehr Beachtung, als sie in gleicher Weise bei der Atmung durch die von Wasser durchtränkten dünnen Wände der Lungen¬ bläschen und der sie umspinnenden Blutkapillaren stattfindet. Das Auffallende der Erscheinung wird durch folgenden Versuch be¬ merkbar. Leitet man mittels einer engen Glasröhre, die durch das in einer Stativklemme mit senkrecht herabhängendem Ballon befestigte Glasrohr bis in den Ballon selbst hinabführt, Kohlensäure ein, schliefst nach Entfernen des Zuleitungsrohres den Ballon durch ein sehr kurzes Schlauchstück und Glasstöpselchen ab*) und läfst den Ballon in ein Gefäfs mit feuchten Wänden hineinragen, so wird der Ballon durch den Durchtritt der Kohlensäure in einigen Stunden völlig zusammengeknüllt. Nach 7 Stunden war der Ballon in einem Falle durch den Luftdruck nahe dem Glasrohr zerdrückt. Läfst man den Ballon statt in gesättigt feuchter Luft in Zimmerluft verweilen, so geht die Kohlensäure langsamer durch die Membran, aber immerhin schneller als atmosphärische Luft nach innen diffundiert. Nach 14 Stunden enthielt ein mit Kohlensäure beschickter Ballon in Zimmerluft noch 85 ccm *) Die nicht ganz geringe Menge Kohlensäure, die auch ein Schlauchstück von nur 1 cm Länge absorbiert (etwa 0,4 ccm pro Stunde) verkleinert man bei diesen Ver¬ suchen bedeutend, wenn man das Glasstöpselchen mit reichlich anhängendem dickflüssigen Glycerin so weit in das kurze Schlauchstück vorschiebt, dafs es das Glasrohrende berührt. Versuche mit Ballons, deren Glasrohre nach der Füllung mit Kohlensäure zugeschmolzen wurden, hatten kein anderes Ergebnis. 27 Gas; 148 ccm waren entwichen. In dem noch vorhandenen Gase waren 51 ccm Kohlensäure; die übrigen 34 ccm enthielten 9 ccm Sauerstoff. Ragt ein mit Kohlensäure gefüllter Ballon in ein Gefäfs hinein, dessen Luft durch Schwefelsäure trocken gehalten wird, so gehen die Ballonwände nur langsam etwas zusammen. Führt man einen mit Sauerstoff gefüllten Ballon in die feuchte Luft eines Gefäfses mit nassen Wänden ein, so verkleinert sich ebenfalls mit der Zeit das Luftvolumen. Der Sauerstoff entweicht wegen seiner geringeren Löslichkeit in Wasser aber erheblich langsamer als Kohlensäure. Ein Ballon von 240 ccm enthielt nach 15 Stunden 32 ccm Gas weniger. In diesem befanden sich 77°/0 Sauerstoff; es waren 80 ccm Sauerstoff entwichen, 48 ccm Stickstoff eingedrungen. In einem andern Falle traten in 77 Stunden 112 ccm Stickstoff an die Stelle von 183 ccm Sauerstoff. Über die zahlreichen Anwendungen der Kollodiumballons teils zu Un¬ terrichtsversuchen, teils zu Versuchen über Nebelbildung soll in anderen Arbeiten berichtet werden. IV. Bereicherungen der Flora Saxonica im Jahre 1903. Von Dr. B. Sehorler. Im folgenden sind die wesentlichsten Funde aus dem letzten Jahre im Anschlufs an Wünsches Flora zusammengestellt. An neuen Arten ist der Bestand unserer Flora nur wenig bereichert worden, wenn man von den eingeschleppten und meist nicht aushaltenden Formen und den Bastarden absieht. Fotamogeton Zizii , Melica picta und die Alge Lithoderma fon- tannm sind hier zu nennen. Einige andere Arten dagegen, die bisher als Bürger der sächsischen Flora aufgeführt wurden, müssen als solche gestrichen werden, so Hierochloa odorata und Calamagrostis litorea. Diejenigen Funde, welche nur eine kleine Erweiterung des schon bekannten sächsischen Areals darstellen, sind zwar für unser Herbarium sehr wertvoll und werden stets mit Dank angenommen, sind aber hier nicht besonders genannt. Athyrium alpestre Nyl. war bisher aus dem Erzgebirge nur vom Fichtel¬ und Keilberge bekannt. Im Sommer 1902 fand ich ihn auf dem Gottes- gaber Spitzberg (H. = 1115 m) und 1903 auch auf dem Auersberg von 900 m an bis zum Gipfel in mehreren Stöcken. Fotamogeton obtasifolius M. und K. Herr Professor Dr. Fischer- Bam¬ berg war in diesem Frühjahr so freundlich, die Fotamogeton- Arten unseres Herbariums einer eingehenden Revision zu unterziehen. Ich teile einige auf sächsische Arten bezügliche Ergebnisse derselben hier mit. Die obige Art ist im Herbarium der Flora Saxonica mit folgenden Standorten ver¬ treten: Schönfeld bei Leipzig, Wurzen, Dresden und Umgebung: Moritz¬ burg, Yolkersdorf und Steinbach, Grofsenhain: Skassa und das Vogtland mit Mühltroff und Schleiz. F.pusillus L. *Berchtoldi Fieber wurde 1858 und 1861 von Seidel im Priefsnitztal bei Dresden in Lachen mit Eisenocker gesammelt. F. Zizii M. und K. ist bereits von König Friedrich August II. im Egelsee bei Pirna gesammelt und als F. curvifolius bestimmt worden. Er kommt dort auch heutigen Tages noch vor. Junge Exemplare stehen dem P. lucens sehr nahe, der im Egelsee in der Varietät acuminatus f. cornutus auftritt zusammen mit P. gramineus . Ein zweiter Standort dieser als Bastard zwischen P. lucens und gramineus betrachteten Form liegt in der Teichgegend nördlich von Radeburg bei Zschorna. F. polygonifolius Pourr. Die Art ist von den folgenden in Wünsches Flora nicht angegebenen Standorten in dem Herbarium vertreten: Radeburg und Medingen und Tauscha bei Radeburg; Königsbrück: bei Glauschnitz und Bohra; Chemnitz: bei Einsiedeln. 29 Hierochloa odorata Whlbg. soll nach Wünsche bei Lockwitz-Dresden Vorkommen. Das ist aber sicher nicht der Fall. Die Fundortsangabe rührt wahrscheinlich von Poscharsky her. Von diesem liegt ein Exemplar mit der Standortsangabe: Flor. Dresd.: an Bergabhängen im Lockwitzer Grund. 10. Mai 1868! im Herbarium der Flora Saxonica. Wie schon der Stand¬ ort „an Bergabhängen“ andeutet (H. odorata wächst auf Torfwiesen) und eine vorgenommene Revision bestätigte, liegt hier eine fehlerhafte Be¬ stimmung vor. Die Blütenstielchen sind am Grunde der Ährchen ganz deutlich behaart. Es ist also die H. anstralis R. und Sch., die hier wächst. Da nur der eine Standort für H. odorata in Sachsen angeführt wird, so mufs diese Pflanze als sächsischer Bürger gestrichen werden. f Beckmannia eruciformis Host. Dresden: im grofsen Gehege (Stiefel¬ hagen). f Anthoxanthum aristatum Boiss. Dresden : im grofsen Gehege (Stiefel¬ hagen). Alopecurus pratensis x geniculatus. Kamenz: bei Deutsch -Baselitz (Stiefelhagen). Calamagrostis lanceolata Roth. var. Gaudiniana Rchb. Dresden: im oberen Mordgrund und bei Bühlau (Stiefelhagen). C. litorea D. C. In Heft XVII der Mitt. d. Thür. Bot. Ver. weist Torges nach, dafs die sächsische Pflanze vom Muldental bei Nerchau nicht C. litorea ist, sondern C. Halleriana var. rivalis Torges. Demnach ist auch diese Art aus unserer Flora zu streichen. Melica picta C. Koch. Wurde in diesem Frühjahre von Stiefelhagen an den Zadeler Abhängen bei Meilsen aufgefunden. Koeleria cristata Pers. zerfällt in zwei Unterarten, in K *ciliata Kern, und K *gracilis Pers. Die beiden unterscheiden sich durch die folgenden Merkmale : Koeleria ciliata Kerner. Halm 2 — 6 dm, unter der Rispe dicht kurzhaarig. Blätter flach, breit, am Rande steif gewimpert, sonst kahl. Blattscheiden kahl. Rispe 8 — 15 cm, oft deutlich gelappt. Ährchen ziemlich grofs. Deckspelzen 6 — 7 mm. Spelzen auf dem Kiele gewimpert- rauh. Grasige Plätze. Koeleria gracilis Pers. Halm nur 2—4 dm, auch dünner, unter der Rispe kahl. Blätter schmal, eingerollt, am Rande nicht bewimpert, kurz und dicht weichhaarig. Blattscheiden kurz und dicht weich¬ haarig. Rispe 3 — 6 cm, meist schmal. Ährchen kleiner, nur 2 blütig. Deckspelzen 3 — 4 mm. Spelzen auf dem Kiele ein wenig rauh. Besonders auf Sandfluren. Wir haben in Sachsen beide Unterarten, doch scheinen sie nicht zu¬ sammen vorzukommen. Im Herbarium der Flora Saxonica liegt K ciliata von folgenden Standorten: 1. Plauenscher Grund, auf sonnigen grasigen Abhängen, von Vogel 1842 und 1868 gesammelt, und 2. Kaitz bei Dresden, von Reichenbach fil. An beiden Orten ist es die Varietät Kpyramidata Lam., als welche sie auch von den Sammlern bestimmt worden ist. Ein dritter im Herbarium vertretener Standort liegt aufserhalb Sachsens bei Gera. Hier wurde die Pflanze 1889 von Drude auf sonnigen Höhen mit Veronica latifolia und Medicago falcata gefunden. BO K. * gracilis scheint ihre Hauptverbreitung im Elbhügellande zu haben. Sie wurde bei Blasewitz auf sandigen Fluren mit Elymus arenarius , auf dem Heller, im Ostragehege und den Elbwiesen, bei Löbtau, auf der Bosel und im Triebischtale bei Meifsen, bei Lommatzsch nach der Elbe zu und bei Königsbrück gesammelt. Sonst ist nur noch ein Standort aus Sachsen, nämlich Leipzig, zwischen Gohlis und Lindenau (Fritzsche), im Herbarium vertreten. Die genauere Verbreitung der beiden Unterarten ist noch fest¬ zustellen. Poa annua L. var. supina Rchb. Diese montane Varietät kommt nicht nur im Böhmerwald, sondern auch, wie seit langem bekannt, auch im Erzgebirge vor. Ihre Verbreitung daselbst ist aber noch genauer fest¬ zustellen. Im Herbarium der Flora Saxonica liegt nur ein vom König Friedrich August II. 1839 auf dem Keilberge gesammeltes Exemplar, das von Reichenbach bestimmt wurde. In des letzteren Flora Saxonica werden Wiesenthal und Zinnwald und von Heynhold Carlsfeld im Erzgebirge als Standorte genannt. Ferner gibt Celakovsky in seinen „Resultaten der botan. Durchforschung Böhmens im Jahre 1885“ an: „bei Abertham, be¬ sonders auf dem Plateau unter der Plefsberg-Koppe, in Menge auf Triften und Wegen“. Die Varietät unterscheidet sich von Poa annua durch die gröfseren, breiteren, auffallend violett überlaufenen Ährchen. Poa alpina L. Wird seit Sendtner als Bürger des Bayrischen Waldes angegeben, wo sie auf dem Arber am Enzianrücken bis zum Hochstein und am Lusen wachsen soll. Celakovsky bezweifelt dieses Vorkonlmen. Er schreibt in seinen Resultaten für 1886*): „Überdies ist mir das Vor¬ kommen auf dem Arber zweifelhaft geworden, da ich früher und heuer auch mein Sohn, beide ganz vergeblich am Arbergipfel nach ihr gesucht und nur Poa pratensis dort vorgefunden haben“. Daraufhin untersuchte ich die im Herbarium der Flora Saxonica unter P. alpina liegenden Exemplare vom Böhmerwald und fand unter ihnen keine einzige P. alpina. Es sind alles niedere Formen der P. pratensis. Am häufigsten ist die von Ehrhardt und Reichenbach als humilis bezeichnete Form vertreten (s. Reichenbach: Jcones I, Taf. 88, Fig. 1651), die Ascherson und Gräbner (Synopsis II, 1, S. 433) neuerdings als var. subcoerulea bezeichnen. Sie wurde am Arber, Osser und Rachel gesammelt, wo sie nach den Etiketten sowohl in den Spalten der Gipfelfelsen als auch in die Nardus- Rasen eingesprengt vor¬ kommt. Die Form findet sich übrigens auch auf der Jeschkenkuppe und im Erzgebirge. Sie ist leicht kenntlich an den an der Spitze kappenförmig zusammengezogenen, ganz glatten blaugrünen Blättern und ebenso gefärbten Ährchen. Am Arbergipfel wächst aufser dieser Form auch noch die etwas höhere Varietät anceps Gaud., wie schon Celakovsky in den obigen „Re¬ sultaten“ angibt. Mit diesen Feststellungen soll nun keineswegs gesagt sein, dafs die P. alpina im Böhmerwald nicht Vorkommen könnte. Aber sie bestärken jedenfalls die Zweifel Celakovskys. Wie in unserem Falle kann auch den früheren Angaben eine Verwechslung zu gründe liegen. Da aber das Vor¬ kommen der P alpina im Böhmerwalde pflanzengeographisch sehr wichtig ist — für ihr Indigenat im ganzen hercynischen Florenbezirk kommt ja *) Ich bin durch eine Notiz in Ascherson und Graebners Synopsis auf die Stelle auf¬ merksam gemacht worden. 31 einzig und allein dieses Gebirge in Frage — so würden wir für die Ein¬ sendung von Exemplaren aus dem Böhmerwalde an das Herbarium der Flora Saxonica sehr dankbar sein. Festuca rubra var. planifolia Hack. Dresden: bei Plauen auf Schutt (Stiefelhagen). Bromus patulus M. und K. Meifsen: Elbkies bei der Karpfenschänke (Stiefelhagen). Triticum intermedium Host var. campestre A. und G. f. vaginis inferi- oribus hirsutis nach der Bestimmung von Hackel. Meifsen: oberhalb der Knorre an Weinbergsmauern (Stiefelhagen). Rhynchospora alba Vahl. Die atlantischen Rhynchospora- Arten haben ihre Hauptverbreitung in Sachsen in der nördlichen Lausitz (s. d. Karte in Drudes hercynischem Florenbezirk). Während nun Rh. fusca bei uns auf dieses Gebiet beschränkt ist, tritt Rh. alba südlich und westlich davon an zerstreuten Standorten besonders im angrenzenden Elbhügellande auf, so bei Meifsen, Weinböhla, Dresden, Pillnitz und Königstein. Reichenbach gibt noch weitere Fundstellen im Tharandter Wald, bei Leipzig, Chemnitz und Schneeberg an. In der Umgebung der letzteren Stadt erreicht Rh. alba sogar das Bergland. Der Standort „Bärenwalde nach Ober-Crinitz zuu wird ca. 500 m hoch liegen. In der gleichen Höhe bei 500 m fand ich Rh. alba im Sommer 1903 westlich von Schneeberg nördlich von dem Dorfe Lindenau an einem Teichrand in einem Sphagnetum mit Drosera rotundifolia. An diese beiden hochgelegenen Standorte schliefst sich ein dritter von Lehrer Naumann am Filzteich bei Kirchberg in 370 m Höhe aufgefundener an. Heleocharis ovata R. Br. Diese Art trat im letzten Sommer in einem trocken liegenden Teiche bei Pausa im Vogtlande sehr zahlreich mit Juncus supinus und Polygonum * tomentosum Schrnk. auf. Der Standort ist für das sächsische Vogtland neu; der nächste mir bekannte Standort befindet sich in dem Plothener Teichgebiet bei Schleiz und ist in der Luftlinie 20 km entfernt. Die dort mit der Binse vergesellschafteten Arten, wie Potentilla norvegica , Scirpus maritimus und Carex cyperoides fehlen aber hier voll¬ ständig. Carex stricta Good x vulgaris Fr. f. supervulgaris. Dresdener Haide : am schwarzen Teich (Stiefelhagen). C.gracilis Curt x stricta Good f. supergracilis. Meifsen: am Zschaschen- dorfer Graben (Stiefelhagen). Lilium Martagon L. Döbeln, von Professor Stübner den 13. Juni 1903 aufgefunden und in Belegexemplaren an das Herbarium der Flora Saxonica eingesandt. Über den Standort berichtet Herr Professor Stübner: Etwa 1,5 km südlich von Döbeln auf zwei eng begrenzten Gebieten rechts und links der Mulde; der rechts gelegene Standort zum Rittergute Hermsdorf, der links gelegene zum Rittergute Ebersbach gehörig. Beide Orte am oberen Talrande im Gehölz. Der Standort war bisher im Herbarium noch nicht vertreten. Cypripedium Calceolus L. Als Standort für diese Pflanze wird in den Floren das Kirchenholz von Dohna angegeben. Doch ist die Pflanze dort nicht mehr zu finden und auch nicht erst in den letzten Jahr¬ zehnten ausgerottet worden, wie ein Brief beweist, der sich in den Akten zur Flora Saxonica befindet. Auf Veranlassung des damaligen Prinzen Friedrich August hatte Reichenbach im Jahre 1832 von Pflanzenkennern 32 Dohnas Nachforschungen nach Melittis Melissophyllum und Cypripedium Calceolus anstellen lassen. Er erhielt darauf am 31. Mai 1832 einen Brief von dem Knabenlehrer J. G. Meinelt -Dohna, in dem sich die folgende auf Cypripedium bezügliche Stelle findet: „Das Cypripedium Calceolus ist jetzt in dem Kirchenholze zu Dohna beinahe gar nicht mehr zu finden, indem demselben so nachgestellt worden ist, dafs fast kein Exemplar, wenigstens kein blühendes mehr, zu entdecken ist. Jedoch habe ich sogleich bei dem hiesigen Herrn Pastor M. Gerschner nachgefragt; dieser hat ein blühendes in seinem Garten stehen. Ihre Königliche Hoheit können daher diese Pflanze bei demselben in Augenschein nehmen. Auch wird derselbe es zur hohen Gnade anrechnen, dieselbe Ihro Königlichen Hoheit verehren zu können“. Rumex *arifolius All. Die Art, die man wohl besser als Varietät oder Subspezies bei R. Acetosa unterbringt, wird in den Floren von den meisten deutschen Mittelgebirgen, vom Harz, Thüringer- und Böhmerwald und den Sudeten, aber nicht vom Erzgebirge angegeben. Da wir nun, sowohl Herr Geheimrat Drude wie auch ich, bei unseren Exkursionen im Erzgebirge die Form dort öfters antrafen, diese auch von anderen Sammlern aus dem Erzgebirge im Herbarium der Flora Saxonica liegt, so achtete ich in diesem Jahre etwas genauer auf ihr Vorkommen und ihre Charaktere und konnte folgendes feststellen: Die erzgebirgische Pflanze unterscheidet sich in ihren Blättern absolut nicht von denen der übrigen hercynischen Bergländer und der Sudeten. Wir haben auch bei ihr die charakteristischen, seiden¬ papierartig-weichen, kahlen Blätter, die am Blattgrunde 5 — 7 vorspringende Nerven fast aus einem Punkte fächerförmig entsenden. Die abstehenden Spiefs- lappen sind stumpf oder kurz bespitzt. Die stengelständigen Blätter, namentlich die oberen, sind scharf zugespitzt, bei R. Acetosa dagegen stumpflich. Die unteren und mittleren Tuten (Nebenblätter) sind bis 1,5 cm lang, vollkommen ganzrandig, oben gestutzt oder stumpf. Die oberen Tuten sind kürzer, entweder einfach und ganzrandig oder vollständig in 2 oder 3 Zipfel geteilt, die zugespitzt oder abgerundet sein können und an getrockneten Exemplaren gewöhnlich zurückgeschlagen sind. Gezähnte oder franzig zerschlitzte Tuten finden sich jedoch auch am oberen Stengel nicht. Celakovsky gibt ferner in seinem Prodromus von den Tuten an: „zur Blütezeit schon zerstört“. Das ist bei den erzgebirgischen Pflanzen nicht der Fall, sowohl die unteren wie die oberen sind vorhanden. Die Zwei- und Dreiteilung der oberen Tuten würde als einziges Merkmal an¬ zuführen sein, das die erzgebirgische Form von dem typischen R. arifolius unterscheidet. Da aber solche Zersplitterungen der Tuten auch anderwärts beobachtet worden sind — Pospichal schreibt z. B. in seiner Flora des österreichischen Küstenlandes „Tuten ganzrandig oder nur die untersten zerschlitzt“ — , so müssen wir die erzgebirgische Form auch zu R. * ari¬ folius stellen. Sie umsäumt im oberen Erzgebirge meist in Gesellschaft von Homo- gyne , Mulgedium und Luzula maxima die Bergbäche in schattigen Schluchten, tritt aber auch auf die Bergwiesen hinaus. Um den Fichtelberg und Keil¬ berg ist sie über 900 m gar nicht selten. \Amaranthus albus L. Dresden: an der Marienbrücke (Stiefelhagen). Silene gallica L. Dresden: Plauenscher Grund (Stiefelhagen). Helleborus viridis L. Bei Weesenstein unter Haselgebüsch in Gesell¬ schaft von Asarum , Hepatica und Primida elatior zahlreich, anscheinend 38 wild (J. Ostermaier). Garcke gibt in seiner Flora von Deutschland einen zweiten, weder von Wünsche noch von Frenkel erwähnten Standort in der Nähe dieses neuaufgefundenen an, nämlich Grofs-Cotta unweit Pirna. Ob die Pflanze hier wohl noch vorkommt? fLepidium virginicum L. Dresden: am Altstädter Elbquai und im Plauenschen Grunde (Stiefelhagen). | Brassica elongata Ehrh. Dresden: Plauenscher Grund (Stiefelhagen). f Cakile maritima Scop. Dresden: am Berliner Bahnhof (Stiefelhagen). Sedum purpureum Link. Zschopautal: bei Kriebstein (Stiefelhagen). Trifolium striatum L. Mühlberg: bei Boragk (Stiefelhagen). Geranium divaricatum Ehrh. Meifsen: Zadeler Abhang kopiös mit Myosotis sparsiflora (Stiefelhagen). Erica Tetralix L. Dresden: am Funkenteich bei Weinböhla, der bis jetzt bekannte südlichste Standort in Sachsen (Stiefelhagen). Melittis Melis sophyllum. L. wurde von Professor Stübner bei Döbeln gesammelt und dem Herbarium der Flora Saxonica überwiesen mit der Etikette: Rechtes Muldenufer in lichtem Laubgehölz des Hermsdorfer Waldes, eine halbe Stunde südlich von Döbeln. Es ist das wahrscheinlich derselbe Standort, den bereits 1891 Leonhardt auffand. Ein von letzterem eingesandtes Herbarexemplar trägt nur die Standortsangabe „bei Döbeln“, eine zweite von Hofmann 1892 gesammelte Pflanze dagegen die nähere Bezeichnung „Döbeln: Abhänge an der Mulde“. Ein zweiter Standort dieser schönen Labiate in jener Gegend wurde 1890 von Leonhardt ent¬ deckt, nämlich zwischen Döbeln und Riesa bei dem Dorfe Ostrau. Veronica Dillenii Crantz = * campestris Schmalh. Kamenz: Sand¬ felder bei Deutsch-Baselitz (Stiefelhagen). Achillea *setacea W. und K. Mühlberg: bei Boragk (Stiefelhagen). Cirsium canum M. B. Leipzig: am Bienitz an verschiedenen Stellen (Stiefelhagen). Der Standort wird auch von den Leipziger Spezialfloren nicht angegeben. Ob die Art sich dort erst in jüngster Zeit angesiedelt hat oder nur übersehen worden ist? C. canum M. B .xpalustre Scop. Leipzig: am Bienitz (Stiefelhagen). C. heterophyllum All .xpalustre Scop. Tal der Wilden Weifseritz bei Pretzschendorf (Stiefelhagen). C. acaule All. x canum M. B. Meifsen: Nasse Aue (Stiefelhagen). Mulgedium alpinum Cass. Wurde im Juli 1903 von J. Ostermaier im Weifseritztal zwischen Edle Krone und Barthmühle in Gesellschaft von Ranunculus platanifolius , Cirsium heterophyllum und Mimulus luteus auf¬ gefunden. Der Standort ist durch seine niedere Höhe (350 m) bemerkenswert. Im Anschlufs an die obigen Phanerogamen sei zum Schlüsse noch der Auffindung einer recht seltenen montanen Alge gedacht, nämlich der zu den Phaeophyceen gehörigen Lithoderma fontanum Flah. Sie ist erst im Jahre 1883 von Flahault-Montpellier als Süfs wasserbewohner entdeckt und beschrieben worden und bisher nur von wenigen Standorten (Südfrankreich und Böhmen) bekannt. Doch teilte mir Herr Professor Schmidle mit, dafs die Alge in den Schwarzwaldbächen der höheren Gebirgsgegend und in Bächen der Alpen häufig ist. Auch im Erzgebirge ist sie, wie ich vor einigen Wochen konstatieren konnte, weiter verbreitet. Ich habe sie am 28. Mai 1904 bei Frauenstein in dem Becherbach, einem Zuflufsbache der Wilden W7eifseritz noch bei 740 m gefunden. Schon im Jahre 1898 hatte * 34 ich auf einer Exkursion im Erzgebirge am Fichtelberg in 1100 m Höhe auf den überfluteten Steinen eines rasch fliefsenden Gebirgsbaches schwarze, etwas schleimig sich anfühlende Krusten beobachtet und aufgesammelt, über deren Natur ich damals nicht ins Klare kam. Im vorigen Sommer suchte ich nun jene Stelle nochmals auf und fand auch die Krusten wieder. Sie treten in dem Bache an der Südost-Seite des Fichtelberges (Jungfern¬ grund) von 1000 — 1100 m auf allen festliegenden und überfluteten Gneifs- blöcken und Geröllstücken als schwarze Flecken auf, die zuweilen an den Rändern etwas grünlich schimmern, heben sich also von dem hellen Gestein sehr deutlich ab. Die Gröfse ist sehr verschieden, von 1 qcm bis 2 qdm alle Übergänge. Kleine Krusten sind kreisförmig. Wachsen einzelne Krusten zu gröfseren Flecken zusammen, so zeigen sie häufig einen gekerbten Rand, den einzelnen Krusten entsprechend. Sie sitzen auf den Steinen sehr fest auf, so dafs man mit dem Messer nur kleine Brocken abkratzen kann. Da¬ durch unterscheiden sie sich leicht von den nur lose aufsitzenden Häuten von Phormidium subfuscum Ktz. (tab. phycol. I, t. 45), die ähnliche Stand¬ orte am Fichtelberg hat. Unter dem Mikroskop erscheint die Alge von der oberen Fläche ge¬ sehen als ein parenchymatisches Gewebe, in welchem grüne und farblose Zellen mit einander abwechseln. Zerdrückt man mit dem Deckglas die Massen, so sieht man grüne und farblose Zellreihen fächerartig gruppiert. Häufig finden sich auch die farblosen, stark lichtbrechenden birnenförmigen Sporangien, welche sich leicht von den Zellreihen loslösen und frei im Präparat umherschwimmen. Ihre Gröfse beträgt 18 — 24 in der Länge und 8 [j. in der Breite. Herr Prof. Flahault-Montpellier bestätigte freundlichst meine Bestimmung. Y. V olksdichte - Schichtenkarten in neuer, mathematisch begründeter Entwurfsart. Von H. Wiechel, Oberbaurat in Dresden. Mit 1 Karte. Die Einwohnerzahlen oder Bevölkerungszahlen von Ortschaften, Be¬ zirken oder Ländern lassen sich auffassen als Gröfsen erster, zweiter oder dritter Potenz, je nachdem man sich die Personen vorstellt als aneinander¬ gereiht, oder indem man jeder Einzelperson ein und denselben fest be¬ stimmten Einheitsflächenraum anweist und damit die Volksgröfse in einer Ebene als Fläche ausbreitet, oder endlich indem man die Person als räumliche Einheit auffafst, diese Einheiten aufeinander türmt und damit die Be¬ völkerungszahlen in ein körperhaftes Belief verwandelt, das wie ein Berg¬ relief durch gleichabständige Schichten gleicher Volksdichte geschnitten und damit in der Karte dargestellt werden kann. Als lineare Gröfse aufgefafste Bevölkerungszahlen sind kartographisch nicht verwertbar, dagegen läfst sich die Ausbreitung der Volkszahl als Fläche mit einiger Vorsicht zu kartenartigen Darstellungen verwenden, wenn man den Flächen solche Formen gibt, die an die Umrisse der betreffenden Länder erinnern. Derartige Kartogramme, die man Volksmengekarten nennen könnte, sind bisher noch nicht allgemein gebräuchlich*) geworden; sie scheinen aber als treffliches Mittel der zeichnerischen Veranschaulichung der Beachtung wert zu sein. Da derartige Karten sich der mathematischen Behandlung völlig entziehen und lediglich mit den Hilfsmitteln der karto¬ graphischen Technik und zeichnerischen Taktes weiter ausgebildet werden können, kommen sie hier nicht in Betracht. Das Bevölkerungsrelief hat man bisher ausschliefslich dadurch gebildet, dafs man sich gewisse kleinere oder gröfsere Landesflächen nach gewissen Gesichtspunkten abgrenzte, hierauf die auf diese Flächen entfallende Volks¬ menge ermittelte und endlich die auf die Flächeneinheit entfallende Be¬ völkerungszahl und damit die Volksdichte berechnete. Das so gebildete Bevölkerungsrelief hat hiernach das Ansehen eines Waldes von Prismen, von Kristallen, die dicht aneinandergereiht in verschiedenen Höhen neben- *) Als Beispiel ist zu erwähnen: Kartogramm zur Beichstagswahl, zwei Wahl¬ karten des deutschen Beiches in alter und neuer Darstellung von Dr. H. Haack und H. Wiechel. Gotha 1903. 36 einander stehen. Wollte man eine derartige Darstellung vom mathematischen Standpunkte aus verfeinern, so bliebe für eine wissenschaftliche Behandlung nur die Auffindung von Grundsätzen, nach denen die Grundflächen ab¬ zugrenzen wären, übrig. Volksdichtekarten in ihrer vollendetsten Form werden sich auf die Ortseinwohnerzahlen stützen. Alle Karten, die auf gröfsere Bewohnermengen abgeleitet sind, können offenbar nur als Ab¬ schwächungen der vorgenannten Dichtekarten gelten. Aus diesem Grunde soll hier nur auf Ortseinwohnerzahlen Rücksicht genommen werden. Als Grundfläche der Ortseinwohnerprismen bietet sich zunächst die Ortsflur dar. Nicht immer aber sind Flurgrenzen in den Spezialkarten eingetragen, nicht immer kann die grofse Mühe der Flächenberechnung für jede Flur aufgewendet werden; dann wird man sich genötigt sehen, auf willkürliche Abgrenzung der Grundfläche zuzukommen. Quadrate, Bienen¬ zellenform, Dreiecke usw. sind vorgeschlagen worden. Besonders gut eignen sich gleichflächige Paralleltrapeze, weil man dann wenigstens zwei Trapez¬ seiten von Fall zu Fall den topographischen Anforderungen ändern und dadurch diesen besser anpassen kann. Man könnte nun versuchen, aus den Ortseinwohnerzahlen der Nachbarorte ein Motiv zur Gewinnung der Abgrenzung der Grundflächen für jeden Ort in folgender Weise abzuleiten. Theorie des Ortseinflufskreises. Man kann sich eine Einwohneranhäufung nicht nur als ein totes Volumen, sondern auch als eine lebendige Kraftquelle vorstellen, etwa nach Art der Anziehungskraft oder des Lichtes. Diese beiden Kräfte strahlen vom Ver¬ breitungsherde nach allen Seiten gleichmäfsig in den Raum aus. Die Stellen, welche eine Kraftwirkung (Helligkeit) von gleicher Gröfse erfahren, liegen vom Verbreitungsherd nach allen Seiten gleichweit entfernt, folglich auf einer Kugelfläche. Da nun in wfacher Entfernung die Kugelfläche die n2 fache Gröfse hat, so werden sich, wenn man die Kraftwirkung auf die Flächeneinheit der gedachten Kugelflächen bezieht, die Kraft- (Helligkeits-) ^tel tel < 1 Anteile bei wfachem Abstande nicht auf — sondern auf -5 abmindern, n was, aus der Anschauung abgeleitet, den allbekannten Satz liefert, dafs die Anziehung oder die Lichtstärke umgekehrt proportional dem Quadrate des Abstandes ist. Stellen wir nun einmal die Einwohneranhäufung als Wärmequelle, Glühlampe oder sonstige Kraftquelle vor, so liegt der wesent¬ liche Unterschied darin, dafs die Wirkungen der Volksmenge unmöglich als nach allen Seiten wirkend vorausgesetzt werden darf. Der Form der menschlichen Tätigkeit entspricht offenbar die Hypothese, dafs ihre Fernwirkung sich überwiegend auf der Erdoberfläche vollzieht, besser. Dann aber erfolgt die Ausstrahlung mathematisch gefafst lediglich in einer Ebene; dann mindert sie sich nur im Verhältnis der ersten Potenz des Abstandes. Hiernach ist die Fernwirkung einer Einwohneranhäufung zunächst selbstverständlich direkt proportional ihrer Gröfse und sodann umgekehrt proportional dem Abstande des untersuchten Punktes. Für einen Ort nützt diese Betrachtung nichts, weil sie zu einer Grenze der Fern¬ wirkung überhaupt nicht führt; sowie aber zwei Orte untersucht werden, tritt sofort eine wertvolle gegenseitige Beziehung an dern Punkte ein, wo die Fernwirkungen beider Orte gleich grofs sind. Hier liegt offenbar ein unanfechtbarer Grenzpunkt zwischen den beiden Orten, der in kausalem 37 4. xL rpi 7712 tu 1 — Ü/2 Es ist das eine quadratische Gleichung, die einen Kreis vor¬ stellt, dessen Mittelpunkt (Fig. 2) im Abstande z K _ E\ • z~a E\ — El auf der sc-Achse liegt und dessen Halbmesser r die Gröfse hat: El —El 6. E1EC r = a — - • 772 7712 tu ! - tu 2 Fig. /. Zusammenhänge mit der Gröfse und dem Abstande der Orte steht. Vielleicht führt diese wissenschaftlich korrekte Hypothese ein Stück weiter. Zwei Orte (Fig. 1) mit den Ein¬ wohnerzahlen E1 und P2 stehen um a von einander ab. Der Ort eines zu untersuchenden Punktes P, der gleich¬ starke Fern Wirkungen von Et und E2 erfährt, wird bestimmt durch die Beziehung E1: P2 = d±: d2. Offen¬ bar mufs es eine ganze Beibe solcher Orte geben, die auf einer gewissen Kurve liegen, deren Gleichung sich nach Fig. 1 aus den drei Bedingungen 1. E1: E^ = d±: d2 oder E± d2 = E2 dv 2. d]=y2-\-x‘1, 3. dl = y2- \- (x — a)2 ableiten läfst zu ■* + y* — » an. ,,.P ^ = 0. f \uMre/s Fi9 3 Wie leicht zu ersehen ist, gestatten die einfachen Verhält¬ nisse folgende Konstruk¬ tion (Fig. 3). Werden die Einwoh¬ nerzahlen E± und P2 als Längen in die Ebene der Figur nach oben und unten umgeklappt, die Propor¬ tionalitätslinien DFQ , PPG, HGQ und HPF gezogen, so schneiden sich die Punkte P und Q ab, die den Durchmesser des gesuchten Einflufskreises zwischen sich fassen. Mit den höchst ein¬ fachen Konstruktionslinien der Fig. 3, also mit ein paar Strichen, ist man imstande, den Einflufskreis, in welchen der stärkere Ort den schwä- EpE, 38 cheren einschliefst, zn zeichnen. Da zudem das Verfahren von so hand¬ greiflicher Klarheit und nicht zu übertreffender Einfachheit ist, so kann man wohl annehmen, dafs der Bearbeiter das Verfahren zuverlässig vor Augen behalten kann, wird doch nicht mehr verlangt, als bei Bestim¬ mung des Schwerpunktes in einem Dreieck. Es ist noch hervorzu¬ heben, dafs zwar in einem gewissen Punkte dieses Kreises die dortige Fern Wirkung beider Orte gleich grofs ist, dafs aber die Gröfse der Fern¬ wirkung in verschiedenen Punkten des Kreises eine verschiedene ist. Dieser Kreis ist also nicht entfernt als Linie gleichförmiger Stärke der Fernwirkung aufzufassen, sondern er begrenzt das Gebiet, auf das ein Ort kraft seiner Einwohnerzahl und seines Abstandes seinem Nachbarort gegenüber sozusagen das stärkere Einflufsrecht hat. Den Vorgang könnte man sich unter einem Bilde vergegenwärtigen. Die Einwohner des gröfseren Ortes beständen aus 3000 Soldaten, die des kleineren aus 500. Beide Truppen wären in den Ortsmitten dicht zusammen¬ gezogen. Auf Kommando schwärmten beide Truppen radial nach allen Richtungen gleichförmig aus und machten erst dann Halt, wenn in der Peripherie der Schützenkette am Treffpunkte auf beiden Seiten gleicher Schützenabstand oder gleiche Gefechtsstärke, das ist gleiche Dichte herrschte. Am schnellsten würde der Stillstand auf der Ortsverbindungslinie erfolgen; dort hätte auch die Schützenkette die gröfste Dichte. Praktische Anwendung des Ortseinflufskreises. Wollte man das gefundene einfache Verfahren wiederholen, indem man zwischen den Orten immer weiter fortschreitend Fern Wirkungskreise zöge und so die gesetzmäfsig abgegrenzten Gebiete für die einzelnen Orte auf¬ fände, auf die man nun mit vollstem Recht ohne jedwede Willkür die Ein¬ wohnerzahl zu beziehen und mit denen man die Dichteberechnung vor¬ zunehmen hätte, so würde man trotz der tadellosen und immerhin einfachen Theorie zu Ergebnissen gelangen, die leider den Anforderungen der Zeichen¬ technik recht wenig entsprechen. Zunächst macht sich schon eine empfindliche Unsicherheit insofern geltend, als es dem Belieben in ziemlich hohem Grade überlassen bleiben mufs, welches Ortspaar aus dem ganzen Sternhimmel von Orten vor uns auf der Karte wir in Beziehung zu einander zu setzen haben. Die Wahl scheint uns einfach, ist es aber in der Praxis durchaus nicht. Man käme in dieser Beziehung einen Schritt weiter, wenn man alle Orte als Punkte eines Triangulationsnetzes ansehen und zu je dritt verbinden würde. Das Problem wäre dann zurückgeführt auf die Bearbeitung von lauter Orts¬ gruppierungen zu drei. Aber auch diese Auffassung nützt nichts, da innerhalb der Dreiecke drei Einflufskreislinien nebeneinander liegen oder durcheinander schneiden und nichts klar bestimmt ist, als die Abschnitte auf den Drei¬ eckseiten. Wollte man sich mit diesen Grenzpunkten begnügen und daraus Grenzfiguren und die Orte konstruieren, so käme man zu Grundflächen von wesentlich höherem Werte als die gegriffenen Polygone; indessen dürfte die Konstruktion und langwierige nachfolgende Berechnung der gefundenen Grundflächen kaum die Mühe lohnen, weil eben ein tadelloses Verfahren auch auf diese Weise nicht erzielt worden ist und ohne übermäfsigen mathematischen Apparat auch nicht erzielt werden kann. 39 Volksdiehte-Sehiehtlinien nach Ravn, 1857. In dem statistischen Tabellenwerke des Königlich Dänischen Statistischen Bureaus vom Jahre 1857 befinden sich Karten von Dänemark in 1 : 1920000 mit Dichteschichten in Abständen von 500 Einwohnern auf 1 Quadratmeile (9 Einwohner auf 1 Quadratkilometer), deren Entwurf vom Marineleutnant Ravn in folgender Weise ausgeführt worden ist. Die Grenzen der Pfarreien wurden, wenigstens für Jütland und die Inseln, in Spezialkarten eingezeichnet, die Schwerpunkte der Flächen ermittelt, hier senkrechte Linien errichtet gedacht und auf dieselben die Einwohnerzahlen aufgetragen. Alle Endzahlen dieser Lotlinien bestimmen eine kontinuierliche krumme Fläche, deren Darstellung durch Schichtkurven erfolgte. Im genannten Gebiete wurden auf diese Weise 1700 feste Punkte bestimmt, was offenbar eine sehr hohe Summe von Arbeit erfordern mufste. Dem Verfahren haftet aber neben der Mühseligkeit noch die Ungenauigkeit an, dafs der Rauminhalt des so gewonnenen Volksreliefs nur dann richtig wäre, wenn die Lotlinien sämtlich gleichen Abstand untereinander hätten, was aber nicht der Fall ist. Haben aber die Achsen der einzelnen Be¬ völkerungsprismen ungleiche Abstände, sind mit anderen Worten die Volks¬ prismen von ganz verschiedener Breite, so ist es unrichtig (Fig. 4), den Ausgleich der wechselnden Volksprismenkristalle durch eine kontinuierliche krumme Fläche durch die Endpunkte P der Prismenachsen zu legen, viel¬ mehr mufs in jedem Einzelfall die für den Ortspunkt richtige Kote des Ausgleichslinie nach Ravn, f me d(^rjgcjitjjiej2_Ajj.s^^ Volksreliefs nach Fig. 4 in wenn auch einfacher Weise, doch aber erst be¬ stimmt werden. Die wirkliche Ausgleichslinie, welche die beiden benachbarten Rechteckhälften in ein gleichflächiges Trapez zusammenschmilzt, mufs durch die Punkte 0 gezogen werden. Solcher Ausgleichslinienzüge gibt es un¬ endlich viele; jede einzelne ist aber in ihrem ganzen Verlauf durch Wahl eines aufserhalb der Mittelpunkte 0 gelegenen Punktes, z. B. P1 festgelegt. Wie grofs die Abweichungen bei dem Ravnschen Verfahren anwachsen, ist aus der Fig. 4 deutlich zu ersehen. Das Ravnsche Verfahren würde nur anwendbar sein, wenn man sich die Mühe machen wollte, die wichtigen Ausgleichslinien aus Profilen nach Art der Fig. 4 zu entwickeln, was für die Praxis ausgeschlossen ist. Theorie des Bevölkerungskegels. Der Aufbau der Bevölkerungsmenge erfolgte bisher prismenartig auf gewissen geschlossen aneinander gelegenen Grundflächen. Um die Härten 40 der schroff wechselnden Türme und Löcher des zerrissenen Profils eines solchen Volksreliefs abzumildern, hatte man sich bemüht, nachträglich Ausgleichsflächen zu konstruieren. Dieser Vorgang ist aber, wohlverstanden, immer nur ein sekundärer, die prismatische Grundform mufs immer durch¬ leuchten und kann niemals einen vollen Erfolg zulassen. Der Bevölkerungs¬ grundkörper für die Ortschaft selbst mufs von vornherein gerundet oder schräg abgedacht aufgebaut werden. Da nur die einfachsten geometrischen Formen und mathematischen Ausdrücke verwendbar sind, kann nur der gerade Kreiskegel in Frage kommen, dessen Inhalt sich so einfach wie der eines Prismas in Zahlen darstellt. Ganz ausgeschlossen ist es offenbar, auf die alten, dicht nebeneinander abgegrenzten Polygongrundflächen oder Ortsfluren anstatt der Prismen nun Pyramiden zu bauen, weil zwischen je zwei Pyramidenspitzen die Volks¬ dichte auf Null herabsinken würde. Nachbar Einfluß Bei der Wahl des Kreises als Grundfläche ist das bisherige dichtgeschlossene Nebeneinander aller Grundflächen unmöglich; soll ein kontinuierliches Belief gebildet werden, so müssen vielmehr die Grundkreise sich vielfach über¬ schneiden, die Bevölkerungskegel selbst sich durchdringen und da¬ mit auftürmen. Je gröfser der Grundkreis angenommen wird, um so mehr Orte werden von ihm ein¬ geschlossen, um so zahlreicher sind die Durchdringungen der über je¬ dem Einzelort aufgebauten Volks¬ kegel, um so mehr gleichen sich somit die Unterschiede aus, um so sanfter werden die Übergänge der Oberfläche des Volksreliefs ausfallen. Der überm äfsigen Aus¬ dehnung des Grundkreises sind also insofern gewisse Grenzen ge¬ setzt, als die Reliefformen zu ver¬ schwommen, zu verwaschen wer- und als die Konstruktionsarbeit mit der Zunahme der Zahl der Durchdringungen (Auftürmungen) stark zunimmt. Für die Verhältnisse in Mitteleuropa dürfte ein Grundkreis von 30 Quadratkilometer Fläche, innerhalb dessen etwa 4 bis 10 Ort¬ schaften zu liegen kämen, genügen. Eine solche Kreisfläche , der 3,09 Kilometer Halbmesser entspricht, bietet den Vorteil dar, dafs nach der Kegelvolumformel für diesen Grundkreis 30 h __ £ 3 41 die Höhe h des Volkskegels über einem Orte, also die Volksdichte in der Ortsmitte, gleich dem zehnten Teile der Ortseinwohnerzahl ist. Schreibt man daher in der Mitte jeder Ortschaft den zehnten Teil der Einwohnerzahl in die Karte, so hat man sofort das Netz der Volksdichte¬ zahlen, aber wohlgemerkt, ohne den auftürmenden Einflufs der sich durch¬ dringenden Nachbarkegel. Die Summierung des Volumens zweier sich durchdringender Kegel ist eine einfache Aufgabe, besonders wenn man sich auf die Ermittelung der Aufhöhung im Mittelpunkte des zu untersuchenden Ortes beschränkt, eine Mafsnahme, die hier, wo es sich zunächst um die Ab¬ leitung der richtigen Dichtekoten für den Ort selbst handelt, nahe genug liegt. Aus Eig. 5 ergibt sich, dafs sich die Aufhöhung x über dem Orte o1 verhält zur Höhe h2 des Kegels über den Nachbarort o2 wie die Strecken a2 o1 zu a2 o2, Da nun a2 o± = o2 b und a2o2 = b o1 ist, so findet man den einfachen, anschaulichen Satz: „Auf die Aufhöhung über dem untersuchten Orte o1 entfällt ein Anteil der Dichte im Nachbarorte o2, der dem Anteil des Abstandes o2 bis zum Grundkreisrande an der Länge des Grundkreis¬ halbmessers entspricht“. Ist also h o2 ein Fünftel des Halbmessers, so be¬ trägt die Aufhöhung in o1 ein Fünftel der Dichtezahl (Kegelhöhe) in o2. In der Zeichenpraxis gestaltet sich die Ermittelung der endgültigen Dichtezahl eines Ortes einfach genug, da man für jeden Ort nur die Rand¬ abstände (Eig. 6) gegen den Halbmesser abzuschätzen und die Dichtezahlen der einzelnen Nachbarkegel in diesem Verhältnis zu reduzieren braucht. Durch Zuzählung dieser nachbarlichen Anteile zur Dichtezahl des Zentralorts¬ kegels erhält man die gesuchte Dichtezahl des Volksreliefs. Liegt die erwähnte Vorarbeit des Eintragens der zehnten Teile aller Ortseinwohnerzahlen in die Ortsmitten vor, so läfst sich diese Summenbildung mit wenig Zahlennotizen, nach Befinden sogar im Kopfe ausführen, währenddem man die Schenkel des im Mittelpunkt eingesetzten Zirkels über die Nachbarorte wandern läfst. Die Form der Dichteschichtlinien. Über die Gestalt der Kurven der Auftürmungen läfst sich hier, wo es sich in erster Linie um eine kartographische Aufgabe handelt, am einfachsten graphisch Aufschlufs erhalten. Man beginnt mit der Zerlegung der Einzel¬ kegel in ein System von Dichteschichtlinien nach dem Vorgang der Höhen¬ schichtlinien. An allen Durchschnittspunkten der beiden zum Teil auf¬ einander liegenden Dichteschichtlinien-Systeme ergibt sich der Wert der Auftürmung ohne weiteres durch Summierung der Schichthöhenzahlen. So bildet sich ein Netz von Punkten (Fig. 7) und es erübrigt nur, die gleich¬ hohen Koten zu verbinden, um die Dichteschichtlinien der Auftürmung innerhalb des Gebietes der Durchdringung der Kegel zu erhalten. In gleicher Weise lassen sich die Einflüsse eines dritten und weiterer Kegel auf die Auf¬ türmung darstellen. Legt man dann verschiedene Hilfsprofile durch das so gewonnene Relief, so lehrt der Augenschein, dafs die Oberflächen der Auftürmungen auch Kegelmänteln angehören, deren Achsen aber nicht mehr lotrecht stehen, sondern eine schiefe Lage haben, wie die Kegel Kx und X2 in Eig. 7 zeigen. Alle Dichteschichtlinien sind also ebenso wie alle Dichtereliefprofile aus Kegelschnittlinien zusammengesetzt. Einzelpersonalkegel. Das Material an Einwohnerzahlen, das der Bearbeitung zu Grunde liegt, ist sehr verschiedenartig: neben den Dörfchen von kaum hundert Bewohnern 42 die Grofsstadt mit ihrer Riesenflur. Zeichen technisch wird man, um zu wahrscheinlichen naturwahren Darstellungen zu kommen, nicht umhin können, die Orte mit hohen Einwohnerzahlen zu zerlegen, sie aufzufassen als eine Gruppe nahe zusammenliegender Einzelorte; man wird auf die Stadtteile, auf Strafsengruppen oder sonst ausgesonderte Gebietsteile des grofsen Ortes zurückgreifen müssen. In der Zeichenpraxis findet dieses Teilungsverfahren bald seine Grenze, ebenso wie man mit der Ausdehnung des Grundkreises nicht zu weit gehen durfte. Wissenschaftlich ist es aber von Interesse, wenigstens für die geometrisch einfache Kreisfläche, innerhalb der die Volks¬ menge der Stadt gleichförmig verteilt angenommen werden soll, mit der 43 Zerteilung weiter zu gehen und diese bis zur äufsersten Grenze, also bis zur Einzelperson oder, mathematisch gedacht, bis zu einem unendlich kleinen Teil der Einwohnerzahl zu steigern. Stellt man sich die Einwohner eines Ortes nicht mehr wie bisher im Mittelpunkt des Ortes konzentriert, sondern innerhalb eines Kreises aus¬ gebreitet vor, so liefert die auf die Flächeneinheit desselben bezogene Volks¬ menge einen bekannten Begriff, die Wohndichte. Es ist nun von Interesse, die Beziehungen zwischen der Wohndichte und der auf Grund unserer Einwohnerkegel -Hypothese bei Zerlegung bis zum Differentialkegel ge¬ wonnenen Volksdichtereliefs zu verfolgen. Die Einwohnerzahl E verteilt sich im Ortswohnkreise vom Halbmesser To so, dafs auf die Flächeneinheit die Volksmenge W (Wohndichte) entfällt. 1. W = E t nr\ Auf das unendlich kleine Flächenelement g- dco -dg (Fig. 8) entfällt als Anteil der Einwohnerzahl E 2 . W- g • dco • dg — — 2 Q • • dg- 7i n Auf diesen unendlich kleinen Teil der Einwohnerschaft wenden wir die Kegeltheorie an, indem wir auf dem Grundkreise vom Halbmesser r einen Kegel von der Höhe x auf bauen, dessen Volumen den Wert hat: TC V~ ^ 3. x~n == — ^g-do-dg. 3 TV Tq s Handelt es sich wie bisher so auch hier zunächst darum, die Volksdichte in der Mitte des Ortskreises zu finden, so wird wie bisher der aufhöhende Ein- flufs hx des im Abstande r — g vom Grund¬ kreisrande (Fig. 8) über der Fläche dco -dg aufgebauten Kegels mit der Höhe x auf die Ortsmitte ausgedrückt durch: , 7 r — g 4. hx = x - ■ • r Die aus der Natur der Aufgabe ge¬ folgerten Beziehungen 1 bis 4 lassen sich in folgenden Ausdruck zusammenziehen : hx = (r —